Die Sozialpartner müssen erst lernen, mit der Tarifautonomie zu leben

Mit größter Empörung reagierte die Madrider Bevölkerung auf die Tatsache, daß die Bäcker ihren Streit um höhere Brotpreise auf dem Rücken der Verbraucher austrugen und die Produktion für zwei Tage einstellten. Die Kommentare des kleinen Mannes reichten von „die Regierung müßte die Bäckereien verstaatlichen“ bis „vor ein paar Jahren wäre so etwas unmöglich gewesen“.

Unruhe verbreitete sich auch unter vielen Feriengästen aus dem Ausland, als sie erfuhren, daß die Hotelbediensteten und Angestellten der Restaurants an der Costa Brava und der Costa del So! von heute auf morgen ihre Arbeit niedergelegt hatten. Der Streik konnte aber zur Freude des Tourismusgewerbes, der Regierung und vor allem der Urlauber schnell beigelegt werden.

Streiks der Transportunternehmer gehören ebenso zum Alltag dieses spanischen Sommers wie der seit Monaten dauernde Streit zwischen Postverwaltung und -bediensteten. Unternehmer wie die Bäcker und die Lkw-Besitzer handeln genauso undiszipliniert wie viele Arbeitnehmer, wenn es darum geht, ihre Preis- und Lohnvorstellungen durchzudrücken. Den Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften bleibt nichts anderes übrig, als ziemlich hilflos zuzuschauen.

Dies ist jedoch nicht weiter verwunderlich, denn die spanische Arbeitsfront wurde erst vor etwa vier Monaten aufgelöst und durch die Tarifautonomie ersetzt. Die Arbeitgebervereinigung „Confederacion Espanola de Organizaciones Empresariales“ (CEOE) bemüht sich seit ihrer Gründung im vergangenen Juni, als Sprachrohr der Unternehmer zu fungieren. Ihre relativ niedrige Mitgliederzahl und die Zurückhaltung namhafter Wirtschaftskapitäne, dem Verein beizutreten und damit Geltung zu verschaffen, mindern aber bisher noch ihre Wirkung.

Wenngleich die Gewerkschaften organisatorisch schon einige Schritte weiter sind, haben auch sie gegen viele Schwierigkeiten anzukämpfen. So fehlt es selbst den beiden Großen, der Arbeiterkommissionen CCOO und der Allgemeinen Arbeiterunion UGT, an dem nötigen Fußvolk. Ihre Generalsekretäre Marcelino Camacho und Nicolas Redondo nennen zwar Mitgliederzahlen von über einer Million. Eingeweihte wollen jedoch wissen, daß höchstens die Hälfte einen Beitrag zahlt.

Neben CCOO und UGT gibt es noch weitere Gewerkschaftsorganisationen. Die Vielzahl von Gewerkschaften erschwert die Tarifverhandlungen, aber auch die Geschlossenheit der Arbeiterbewegung.