Italienische Kritiker: Die Deutschen haben ihre Vergangenheit noch nicht bewältigt

Von Hansjakob Stehle

Rom, im August

Schwester Barbara, die mildtätige Nonne im römischen Militärspital, entfernte das Schild "nicht stören", das sie zehn Stunden vorher an die Zimmertür geheftet hatte, und öffnete: Statt des entkräfteten, fiebernden Mannes, der am Vortag noch zur Toilette hatte getragen, werden müssen, lag eine Kissenpuppe im Krankenbett. So wenig wie die beiden Carabinieri-Soldaten, die müde und lässig ihren Nachtdienst hinter sich gebracht hatten, ahnte die Schwester, daß dies nicht nur das groteske Ende einer Tragödie, sondern der Anfang eines neuen Dramas sein würde. Wem galt der Großalarm, der mit einer weiteren Stunde Verspätung ausgelöst wurde – einem wirklich oder nur scheinbar Kranken? Einem noch immer gefährlichen Verbrecher? Einem Verurteilten, der sich nach 31 Jahren Buße der Gerechtigkeit entzog? Dem "Symbol des Nazifaschismus", so befand schon am nächsten Tag fast einmütig die öffentliche Meinung Italiens.

Doch als ein Symbol der bösen auch eigenen – Vergangenheit war Herbert Kappler gar nicht entkommen, war er vielmehr gegenwärtiger denn je: Hitlers Polizeichef in Rom, ein übereifriger, selber mitschießender Vollstrecker jenes Befehls zum 335fachen Geiselmord im Jahre 1944. Manch kerngesunder Häftling ist in den letzten Monaten aus italienischen Gefängnissen ausgebrochen und untergetaucht, aber keiner hat die Gemüter der Italiener so erregt, ihre Selbstachtung so peinlich verletzt und ihr Verhältnis zu einem befreundeten Lande so bitter verstört wie die Flucht Kapplers nach Deutschland.

Wirklich nur, weil man ihn auch nach drei Jahrzehnten verbüßter Haft als Symbol nicht entbehren kann? Oder auch, weil der Widerspruch zwischen der humanen, ja lässigen Behandlung des Gefangenen und der Verweigerung eines Gnadenerweises nachträglich schmerzt? Beide und noch andere, schwer entwirrbare Motive wirken zusammen und verschlingen sich zu einem emotionellen Knoten. "Es wäre unendlich besser gewesen, Kappler vor einigen Monaten zu begnadigen, wenn man gewußt hätte, daß das Nachspiel zu einer solchen Mischung aus Drama und Farce würde", schrieb Eugenio Scalfari, einer der prominentesten linken, nichtkommunistischen Journalisten Italiens – also ob Gnade nur dann vor Recht gehen (oder dem Recht folgen) könnte, wenn Strafvollzug und Polizei versagen. Welche Komplexe solchem Fehlschluß zugrundliegen, offenbarte Scalfari mit dem fatalen Satz: "Um den Preis, als verhärteter Nationalist zu gelten, will ich hier mit vollem Bewußtsein schreiben, daß ich nicht sehr froh bin als Italiener geboren zu sein, aber jeden Tag meinem Schicksal danke, nicht als Deutscher geboren zu sein."

Gewiß, es gab auch mäßigende Stimmen wie etwa die der Turiner Stampa, die warnte: "Überlassen wir uns nicht der Hysterie... Gewisse Wunden bluten noch – und wie! Aber wer wirklich leidet, will sie nicht aufreißen." Von kommunistischer Seite, wo die Parole "Bitterkeit, aber kein Chauvinismus" ausgegeben wurde, war sogar zu hören, mit der Flucht Kapplers sei eine "Saison des Antifaschismus beendet", denn wieder habe sich erwiesen, daß der italienische Antifaschismus "eine Minderheit im Lande" sei. Gab es gar, wie manche Kommentatoren anfangs argwöhnten, eine "Verschwörung" italienischer mit deutschen "Kollaborateuren"? War Kapplers Flucht als politische Aktion einer rechtsradikalen Internationale geplant, deren italienische Komplizen in römischen Dienststellen sitzen? War seine Krankheit gar nur ein Vorwand, um ihn leichter außer Landes zu lassen?