Dortmund

Spötter behaupteten schon immer, daß die Fans des Dortmunder Fußballklubs Borussia selbst dann noch in das Westfalenstadion pilgern würden, wenn lediglich das Spielfeld zu besichtigen sei. Sie behielten recht: Zur Dortmunder Heimspielpremiere der Bundesliga-Saison 1977/78 kamen wohl 35 000 Zuschauer, doch ein Spiel fand nicht statt; denn der für 700 000 Mark erneuerte Stadionrasen hatte zwar viel Geld geschluckt, aber kein Wasser. Vier Minuten vor dem Anpfiff wurde das Schlagerspiel der Borussia gegen den MSV Duisburg abgeblasen: Der Schiedsrichter mochte die Bundesligisten nicht auf eine Seenplatte schicken. Der große Regen verhinderte den von der lokalen Presse vorausgesagten „guten Start auf frischem Grün“.

Übers Grün haben sich Borussias Fans und Dortmunds Stadtväter schon oft geärgert, denn seit der Weltmeisterschaft 1974 verlor der Rasen im neuen Stadion zusehends an Grün und Glanz. Im Boden wurden Millionen Würmer und schließlich obenauf Larven der Grashaarmücken geortet. 20 000 Mark ließ sich der Rat der Stadt die Bataille gegen das Ungeziefer kosten, doch der invalide Rasen wurde nur bedingt bespielbar. Rundfunkreporter verglichen ihn schließlich mit einem Kartoffelacker, den selbst Thekenmannschaften verschmähen würden.

Als alle heimischen Rezepte versagten, suchten die Dortmunder Hilfe bei einem britischen Rasen-Experten. John Escritt, Leiter des Raseninstitutes Binglay in der Nähe von Dortmunds Partnerstadt Leeds, sorgte mit beeindruckenden Ratschlägen dafür, daß die besorgten Stadtväter bald „das Gras wachsen hörten“. Um einen Parade-Rasen zu schaffen, wurde der Stadion-Mutterboden abgetragen, neuer Sand und neue Saat wurden herangekarrt. Escritt, der für jeden „Grün-Termin“ im Westfalenstadion 800 Mark kassierte, überwachte 13 Wochen lang den Wuchs von Wurzeln und Halmen und gab schließlich „grünes Licht“ zum Betreten und Bespielen. Die Pleite beim Saisonauftakt traf die Dortmunder ebenso unvorbereitet wie ihren Experten.

Damit in Dortmund künftig auch bei Schlechtwetter gespielt werden kann, bewilligte die Stadt noch einmal 15 000 Mark. Für diesen Preis werden Regenrillen in den Rasen geschnitten, denn den Zorn der Borussen-Anhänger wollte man sich nicht noch einmal zuziehen.

Nach allen Rück- und Fehlschlägen wurde der geplante Einbau einer Rasenheizung auf das Saisonende vertagt. Ein Mainzer hat die Dortmunder inzwischen wissen lassen, daß er eine Doktorarbeit über die Entwicklung des westfälischen Grüns zu schreiben gedenke. R. C.