Die Firma Hamburger Flugzeugbau in Hamburg-Finkenwerder hat schwere Jahre hinter sich. Sie gehört zur Unternehmensgruppe Messerschmitt-Bölkow-Blohm und ist am Bau des Airbus beteiligt, mit dem man den amerikanischen Flugzeugbauern wenigstens einen Teil des Weltmarktes hofft abjagen zu können; bisher ohne Glück. Jetzt haben die Eastern Airlines (Chef: Astronaut Frank Borman) vier Maschinen übernommen (Leasing). Die Lufthansa fliegt seit eineinhalb Jahren mit der neuen Maschine, SAS und Swissair interessieren sich. Auch aus Asien kommen interessante Anfragen. Jedes Flugzeug kostet 60 Millionen Mark. Eine Wende.

Also will die Geschäftsleitung zu ihren 220 Ausbildungsplätzen 35 neue einrichten, für Blechschlösser, Dreher und Fräser – Bewerber würde es ja wohl in großer Zahl geben. Einen Mitarbeiter auszubilden (Flugzeugbauer: 3,5 Jahre, einfache Dreher: zwei Jahre, die anderen: drei Jahre; bei guter Leistung kürzer) kostet das Unternehmen 18 000 Mark. Da muß man sich schon genau umschauen, bevor man einem Jungen oder ein Mädchen den Ausbildungsplatz einräumt: Der Flugzeugbau verlangt besondere Intelligenz und Präzision.

Also erwartet die Firma von den Bewerbern ein gutes Abschlußzeugnis der Hauptschule. Mindestens das Durchschnittsergebnis „3“ sollten die Bewerber haben; das Durchschnittsergebnis aller Hauptschüler ist in Hamburg „4,1“. Wer sich bewarb und die „3“ vorweisen konnte, wurde zu einem Einstellungstest geladen. Nach dem „Berufseignungstest von Professor Schmale“ wird nicht mehr geprüft, was die Hauptschüler an theoretischen, wissenschaftlichen Erkenntnissen mitbringen; man prüft die in der Hauptschule vernachlässigten handwerklichen Fähigkeiten. – Mit der Einstellung eilt es etwas. Am 1. September beginnt die neue Ausbildungsperiode, bis dahin also müssen die Plätze besetzt werden – oder sie bleiben ein Jahr lang unbesetzt.

Zum ersten Einstellungstest (10. August) wurden 24 Bewerber eingeladen. Einer sagte telephonisch ab; er hatte eine andere Lehrstelle gefunden. Acht der Eingeladenen erschienen, 15 blieben ohne Entschuldigung aus; bei den meisten erfuhr die Firma nicht einmal, warum. Zum zweiten Vorstellungstermin, 12. August, wurden 18 eingeladen. Einer sagte ab, sechs blieben ohne Erklärung aus. Mit einigen weiteren Terminen hofft die Firma, alle Posten besetzen zu können.

So geht es überall im Lande. Was ist daraus zu schließen? Mit allen Vorbehalten gegen pauschale Feststellungen ist die Lage: Wer die Hauptschule mit einem guten Zeugnis verläßt, bekommt die Lehrstelle, die er sich wünscht, auch in einem Traumberuf – sogar im Flugzeugbau. Wer die Hauptschule mit einem normalen Zeugnis, ohne besondere Meriten also, verläßt, bekommt eine Lehrstelle; freilich nicht immer im ersehnten Beruf, notfalls etwa im Baugewerbe. Wer die Hauptschule ohne Zeugnis verläßt, der hat es freilich schwer. Noch schlimmer dran sind Sonderschüler und geistig und körperlich Behinderte.

In dieser Lage ist der Minister für Bildung und Wissenschaft, Helmut Rohde, nicht zu beneiden – Glück hat aber auf die Dauer nur der Intelligente. Um sein Erfolgsdefizit zu verdecken, schreit er durch die Lande, die Wirtschaft habe ihre Zusage nicht erfüllt, hunderttausend neue Ausbildungsplätze zu schaffen. Aber weder er noch sonst jemand weiß, welche Ausbildungsplätze es gibt und wieviel Hauptschulabgänger ohne Lehrstelle geblieben sind. Eine Statistik gibt es nicht, sie wurde bisher nicht gebraucht. Also steht hier Behauptung gegen Behauptung; erst Ende des Jahres wird man es genauer wissen.

Bis dahin sollte sich Rohde lieber um die „Zurückgebliebenen“ kümmern. Geht uns das Schicksal der Kinder, welche die Hauptschule nicht geschafft haben oder gar nur die Sonderschule besuchten, überhaupt etwas an? Selbstverständlich; wir dürfen auch sie nicht im Stich lassen. Aber was wir für sie tun können, hat nichts mit der Behebung des Lehrstellenmangels zu tun. Es ist Fürsorge für die Benachteiligten. EinBeispiel: Ein zehntes Berufsschuljahr würde den Benachteiligten nicht helfen; fast immer lehnen sie die Schule innerlich ab und lernen kaum noch etwas hinzu. Für die Tüchtigeren wäre ein zehntes Jahr eine sinnlose Belastung. Die Kinder lernen auf der Hauptschule viel intellektuellen Stoff, zu viel Theoretisches. Praktisches Wissen und handwerkliche Fähigkeiten fallen im Lehrplan zurück. Mancher Hauptschüler könnte seine schlechte Theorie durch guten Umgang mit der Praxis ausgleichen; unser Schulsystem versperrt ihm das. Für diese Minderheit nicht nur ein zehntes Schuljahr, sondern eigene Ausbildungsschulen zu schaffen, lohnte sich. Wenn es billiger ist, kann man Industrie- und Handwerksbetriebe finden, denen man die Aufnahme eines solchen Lehrlings vergütet. Die Mühe bleibt freilich groß. Es gehört Liebe dazu, junge Leute etwas zu lehren, wenn die Erfolgschance nicht groß ist. Sinnlos ist jedenfalls der Versuch, diese Kinder in den normalen Weg hineinzupressen. Nichts ist erschreckender für das Kind, als mit Ansprüchen konfrontiert zu werden von denen es weiß, daß es sie nicht erfüllen kann.