Von Ernst Klee

Dieser Fall zählt zu den „spektakulärsten Kriminalfällen aller Zeiten: Zu Beginn der fünfziger Jahre hatte Christa Lehmann drei Menschen mit dem Pfanzenschutzmittel E-605 umgebracht, Mit diesem Gift sind seither viele Menschen getötet worden oder haben sich das Leben genommen. Christa Lehmann wurde 1954 vom Schwurgericht Mainz zu dreimal lebenslänglich verurteilt. Doch ihre Motive konnten nicht aufgedeckt werden. Unser Mitarbeiter Ernst Klee hat Christa Lehmann, die heute 54 Jahre alt ist, im Gefängnis kennengelernt und versucht, in langen Gesprächen herauszufinden, was diese Frau zu ihren Taten getrieben hat. Seine Aufzeichnungen werden demnächst auch als Buch erscheinen

Menschen, die wir Mörder nennen, kenne ich seit zehn Jahren. Mit einigen habe ich nach ihrer Begnadigung zusammengelebt. Die Kontaktaufnahme war oft abenteuerlich. In einem Fall hat mich ein Strafvollzugsbeamter, der die Not eines Lebenslänglichen nicht länger ertragen konnte, heimlich in die Anstalt geschleust. Heimlich trafen wir uns in einer Zelle. Heimlich habe ich Akten eingesehen.

Einmal arbeitete ich zehn Tage in einem „Zuchthaus“, wie es damals noch hieß. Ich Wohnte in der Außenpforte und hatte einen Schlüsselbund, mit dem sich alle Türen öffnen ließen. So habe ich Lebenslängliche unter Bedingungen kennengelernt, die einen unmittelbaren Zugang zu ihnen ermöglichen. Aber ich habe den Mord nicht nur durch die Vermittlung des Täters kennengelernt, an seiner Seite. Ich habe in diesen Tagen einen nahen Freund durch einen Mord verloren. Eine Tat, die mich menschlich arm gemacht hat, ein Verlust, den ich nicht überwunden habe. Aber dies ändert an meiner Sicht nichts.

Unter den „Mördern“, die ich kennenlernte, mit denen ich befreundet bin, waren 70jährige Greise wie Jugendliche, Männer wie Frauen, Aus-, länder wie Deutsche, Gewalttäter wie andere, die ihre unsagbaren menschlichen Konflikte nicht anders beenden konnten. Doch am weitesten, am tiefsten bin ich den Weg durch Schuld und Verstehen mit Christa Lehmann gegangen.

Christa Lehmann hat im Negativen Kriminalgeschichte gemacht. Sie zählt zu den „spektakulärsten Kriminalfällen aller Zeiten“, fehlt in keiner Kriminalgeschichte der grausigsten Morde, in keiner Serie, wenn dem Massenblattleser eine „Bestie in Menschengestalt“ vorgeführt werden soll. Christa Lehmann hat drei Menschen umgebracht, mit einem Gift, das unbekannt war und Mode wurde: E-605. Sie hat eine Kette von Morden und Selbstmorden ausgelöst. Und auch ihre Methode, das Gift in eine Praline zu injizieren, ist erst in diesem Jahr wieder neu erprobt worden. Das Pflanzenschutzgift E-605 hat unendlich viele Menschen das Leben gekostet. Die Frau, die es zuerst anwandte, gilt seitdem als eine kaltblütige, hemmungslose, lebensgierige Hexe, eine Ausnahmeerscheinung des Bösen und der Niedertracht, wie sie unter Tausenden von Mördern nur einmal registriert wird.

Ich habe Christa Lehmann in der Strafanstalt nicht als Journalist kennengelernt, als einer, der hinter ihrer Geschichte her ist, sondern ich ging dort in eine Gruppe, wo die zu langen Strafen verurteilten Frauen zusammen das Wochenende verbringen. Vor zwei Jahren begannen wir, ihre Taten aufzuarbeiten. Denn das Gericht hatte die Motive nicht aufklären können, und Christa Lehmann hat sich seitdem selbst nicht begreifen können: Den Tod des Ehemannes, des Schwiegervaters und der Freundin hat sie verursacht. Ich habe alle Gespräche auf Tonband aufgenommen, am gleichen Tag abgeschrieben und am Tag danach neu gefragt. Wir sind gemeinsam bis an den Rand des Zusammenbruchs gegangen, über Grenzen hinaus, die tabuisiert waren. Es sind Dinge gesagt worden, die man sonst verschweigt, verbirgt, wegschließt. Und wir sind durchgekommen. Unerklärliches wurde erklärbar.