Der Münchner Bildhauer Martin Mayer hat für 25 000 Mark eine zwei Meter hohe Figur entworfen und in Bronze gegossen. Sie stellt eine Schwimmerin dar, und deshalb wurde sie vor dem Schwimmbad in der Münchner Geroltstraße aufgestellt. Bevor die tägliche Gewöhnung, der Grünspan oder auch der Taubenmist unsere Augen abstumpfen, sollte man dieses Werk einer Betrachtung unterziehen.

Das Mädchen ist unschwer als solches zu erkennen, obgleich seine primären Geschlechtsmerkmale unter einem ebenfalls bronzenen Badeanzug liegen. Es steht so locker da, wie wir die Mädchen oft im Fernsehen stehen sehen, bevor sie auf den Startblock steigen. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch die erhobenen Hände, die sich gleichzeitig links und rechts mit dem richtigen Sitz der Badehaube beschäftigen. Dieses ist in der Tat eine typische Handbewegung, die – wäre es eine Berufsschwimmerin – durchaus in der schönen Sendung des Herrn Lembke Verwendung finden könnte. Natürlich ist die Bewegung erstarrt in Bronze: Sie wird ewig an der Mütze nesteln und nie auf den Startblock steigen.

In den Beschreibungen dieser Figur wird allgemein darauf hingewiesen, daß sie mit ihren zwei Metern überlebensgroß sei. Man hätte auf diesen Hinweis besser verzichtet, denn er sät Zweifel ins Herz. Waren die siegreichen Damen, die wir bei den Siegerehrungen der Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften sahen, nicht alle mindestens zwei Meter hoch? Werden sie bis zur nächsten Gelegenheit nicht noch mehr gewachsen sein? Wird man in hundert oder zweihundert Jahren (wie lange hält eine Bronzefigur?) diese Statue vielleicht als Statuette betrachten?

Wobei sich ganz nebenbei die Frage stellt, ob dieses als Diminutiv hier richtig angewandt ist. Vielleicht hat der Meister das immense Wachstum von Sportlern und Sportlerinnen, welches statistisch ja längst erfaßt ist, hier einkalkuliert? Mit Sicherheit hat er keine jener ranken Gestalten zum Modell gehabt, wie man sie in alten Büchern abgebildet sieht – es handelt sich hier um ein mit den modernen Mitteln des Sports trainiertes Kind unserer Zeit, das – wäre es nicht aus Bronze – eine Baßstimme besäße.

Insofern hat er unseren Nachfahren ein unverwechselbares Zeugnis hinterlassen, von dem wir im Moment nicht genau wissen, ob wir stolz darauf sein sollten. Ulrich Kaiser