Eleganz ist keine literarische Kategorie. Für den jetzt in seiner behaglichen Villa am Rande Budapests mit 83 Jahren verstorbenen Romancier Tibor Déry ist es dennoch eine: Sie trifft zu für seine Erscheinung wie für sein Werk; daß er eine der ersten Übersetzungen von André Gide besorgte, war gewiß kein Zufall.

Großbürgersohn aus Budapest, zweisprachig aufgewachsen und wie seine beiden bedeutenden Freunde Georg Lukács und Julius Hay auch ein deutsch und ungarisch schreibender Autor, war er einer der letzten überragenden Repräsentanten des großen psychologischen Romans. Seine expressionistischen Anfänge in Herwarth Seine dens „Sturm“ von den österreichisch-ungarischen Zensurbehörden als „sittenwidrig“ mit einer Geldstrafe belegt – bezeichnete er später selber als „eine Kette fehlgeschlagener wenn auch nicht nutzloser Versuche“.

Der große Versuch aber war sein Lebensentwurf: Bürger in Kultur, Geschmack und Lebensart, wollte er sich dennoch einer verändernden Welt nicht ins bloß Ästhetische entziehen. Schon 1934 nahm er am Wiener Arbeiteraufstand teil und wurde prompt ausgewiesen. Im selben Jahr beginnt die Arbeit an seinem Roman „Der unvollendete Satz“. Es wurde sein Hauptwerk. „Verfall einer Klasse“ könnte der Untertitel heißen das kunstvoll equilibrierte Gemälde des sich auflösenden Bürgertums. Seine Hauptfigur Lörinc ist gleichsam ein Sohn des Hanno Buddenbrook, einer, der mit allen Gängen seines Hirns weiß, daß der Sozialismus unsere neu heraufziehende Welt prägen wird – und der mit allen Fasern seines Herzens an die untergehende Welt der Salons und der Empfindsamkeiten gebunden ist. Einer, der zwischen allen Stühlen steht. Diesen Satz aber prägte sein Interpret Ernst Fischer über – Tibor Déry. In der Räterepublik Bell Kuns war er (neben Lukács) hoher Kulturfunktionär.

Der große Roman wurde von je wechselnden politischen Konstellationen vor und nach dem Krieg unterdrückt. Déry wurde (wegen der Übersetzung von Gides Rußlandtagebuch) 1937 unter Horthy eingesperrt. Kaum gab es ein kommunistisches Regime in Ungarn, wurde er ausder Partei ausgeschlossen. Das Werk des Proust-Verehrers und Thomas-Mann-Nachfahren galt als zu bürgerlich und unrealistisch. Doch Déry ging seinen „aufrechten Gang“, berief sich auf die revolutionäre Tradition des großen ungarischen Dichters Petöfi, scharte um sich schließlich die gesamte ungarische Intelligenz in dessen Namen: Gemeinsam mit Lukács und Hay gründete er im Sommer 1956 den „Petöfi-Club“, der das intellektuelle Zentrum der Opposition gegen Rakosi wurde. Seine Verurteilung im berüchtigten Schriftstellerprozeß zu neun Jahren Haft erregte einen internationalen Proteststurm, der seine Amnestie bewirkte. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt von einer ironisch balancierten Melancholie, wie sie der hier abgedruckte unveröffentlichte Text einfängt und wie sie bereits in der Anekdote aufblitzt, die Dérys Mithäftling Lukács nach dem fehlgeschlagenen Aufstand zugeschrieben wird: Nach nächtlicher Verhaftung in Budapest 1956, rasender Wagenfahrt mit verhängten Fenstern zu einem unbekannten Militärflugplatz, Abflug in einer Maschine ohne Hoheitszeichen in ein unbekanntes Land und Ankunft in einer schloßartigen Villa an blinkendem Meeresstrand, in der sie lebten, halb zeremoniös behandelte Staatsgäste, halb Zuchthäusler, noch immer ohne Kenntnis, wo überhaupt sie sich befanden, sagte Georg Lukács: „Kafka war doch ein Realist.“ F. J. R.