Für uns Deutsche ist die politische und kulturelle Situation in Italien sehr schwer zu beurteilen, wir halten fast jeden für links, für einen Marxisten oder Kommunisten. Wünschen Sie eine kommunistische Regierung in Italien?

ALBERTO MORAVIA: Was wirklich schlimm ist und was in Italien passiert, ist das Folgende: Möglicherweise gibt es eine Demokratie in diesem Land, aber ganz allmählich hat sich das gebildet was wir ein „Regime“ nennen, das heißt eine falsche Demokratie hinter der Fassade der Demokratie. Der Staat ist ein Instrument geworden, an dem sich das neue Bürgertum bereichert, wir nennen das das „Staatsbürgertum“. Dieser „Bürgerstaat“ wickelt seine Geschäfte unter der Maske der Demokratie ab. Nun haben wir diese große Krise, die dazu geführt hat, daß alles, was sich hinter der Fassade des Staates versteckt hatte, aufgedeckt worden ist. Nehmen Sie den Lockheed-Skandal. Der Staat funktionierte als Mittel der Bereicherung für die Industriellen, die Unternehmer und die Mafia. In diesem Augenblick haben die Kommunisten eine Politik des „historischen Kompromisses“ angekündigt.

Meine persönliche Meinung ist, daß die Kommunistische Partei eine doppelte Funktion hat. Im Augenblick ist es eine sehr nationale Partei. 1920 war das Bürgertum national, und die Arbeiter waren international. Jetzt sind die Arbeiter mehr oder weniger national und das Bürgertum international, kosmopolitisch. Also wird die Kommunistische Partei mehr und mehr national, aber sie behält gleichzeitig eine große internationale Affinität. Inzwischen gab es jedoch die beiden großen Niederlagen des internationalen Kommunismus: Indonesien und Chile. Ich spreche von den Massakern. Ich denke, daß der „historische Kompromiß“ auf die Gefahr dieser beiden Niederlagen zurückzuführen ist. Zu diesem Zeitpunkt hat Berlinguer den Begriff des „historischen Kompromisses“ geprägt. Meiner Meinung nach stellt der „historische Kompromiß“ etwas dar, was so unbestimmt ist, daß es sowohl die eine als auch die andere Sache bedeuten kann. Es heißt ganz einfach: Die Kommunistische Partei möchte auf irgendeine Weise an die Macht kommen. Sie kann dieses Ziel nicht allein erreichen. Das heißt, der Kommunismus ist nicht mehr der Kommunismus von 1917.

Ist der „historische Kompromiß“ nur eine vertarnte Taktik? Die liebevolle Umarmung der Kobra, unter der man – also die Demokratie – erstickt? Sind Kommunisten zuverlässige Vertragspartner?

A. M.: Der „historische Kompromiß“ basiert nicht einzig und allein auf dem Marxismus. Im Prinzip gibt es zwei Reformen, die die Kommunisten den Christen aufdrängen wollen: die Reform der öffentlichen Ordnung und das, was man den Wiederaufbau der Industrie nennt. Es sind sehr flexible Leute. Als ich gesehen habe, wie Stalin Ribbentrop die Hand gedrückt hat: das war auch ein historischer Kompromiß, oder nicht?

Teuflisch auch...

A. M.: Teuflisch, aber historisch.