Von Kurt Becker

Sind die Empörung und der Zorn, die uns Deutschen aus anderen Ländern entgegenschlagen, seit der einstige SS-Führer und Polizeipräsident von Rom, Herbert Kappler, aus der italienischen Haft entkommen ist, nur ein Sturm im Wasserglas? Oder braut sich ein Gewitter antideutschen Unmuts zusammen? Es ist ja nicht allein der leidenschaftliche Protest in Italien, wo verletzte Gefühle alte und abfällige Emotionen aufs neue entfacht haben. Auch anderswo in verbündeten und befreundeten Staaten entzündete Kapplers Flucht eine geballte Ladung der Kritik an den Deutschen, an der Bundesrepublik und immer mehr auch an der Bundesregierung, weil sie sich in konsequentes Schweigen hüllt; sie wird der Tatenlosigkeit aus innenpolitischer Rücksichtnahme verdächtigt.

Seit langem ist die Erinnerung an die finstere deutsche Vergangenheit nicht mehr so heftig wachgerüttelt worden. Die Läuterung der Bundesrepublik zum verläßlichen Staat der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit wird angezweifelt. Gewiß: Nirgendwo hat sich hieran ein Regierungsmitglied beteiligt. Gleichwohl lassen sich die nichtamtlichen Stimmen von Politikern, der Presse und des Fernsehens nicht einfach als irrelevant abtun, als gehörten sie nicht zum Resonanzboden der öffentlichen Meinung, die keine Regierung ignorieren kann.

Wir können uns die Sache leichtmachen und sagen: Es handelt sich um eine von der Linken inszenierte Kampagne. Tief eingefressene Reserviertheit, wenn nicht Animosität gegenüber der Bundesrepublik prägt in der Tat das Erscheinungsbild der linken Presse vor allem in Frankreich und Italien, in Holland und Schweden. Und es ist mehr als ärgerlich, in welcher Weise uns dort wegen der Bekämpfung des Baader-Meinhof-Terrorismus politische Hexenjagd vorgeworfen, wegen des Radikalenerlasses der Ungeist der Intoleranz angehängt und wegen des großen Interesses am Hitler-Film von Joachim Fest die Tendenz zur neofaschistischen Nostalgie auf gestempelt wird.

Aber es ist nicht alles bloß Agitation, was uns begegnet, und die Kritik entstammt schließlich nicht nur bestimmten politischen Lagern. Zumindest in einer besonderen Situation – und Kapplers Flucht war eine – sind herbe Urteile über uns fast überall schnell zur Hand. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, wenn sich gerade jetzt alle Welt begierig auf den Brief Willy Brandts an den Bundeskanzler stürzt, in dem er sich besorgt über den Rechtsradikalismus äußert. Törichter konnte der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses schon älteren Briefes nicht gewählt werden.

Es fragt sich, ob der Kanzler durch eine öffentliche Erklärung wenigstens die Erregung in Italien hätte eindämmen können: indem er sein Verständnis für die Bestürzung der Angehörigen jener Opfer bekundet hätte, wegen deren Erschießung Kappler zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden war. Daran, daß Kappler nach deutschem Recht nicht ausgeliefert und nicht aufs neue in Haft genommen werden kann, was viele im Ausland verwundert, hätte freilich auch dies nichts geändert.

Politischer Zwerg