In besseren Häusern konnte man früher das Bildnis der „schönen Unbekannten aus der Seine“ finden. Vornehmlich die jungen Mädchen zierten gern eine Wand ihres Zimmers mit diesem Relief, von dem es hieß, daß es die Totenmaske einer Selbstmörderin sei, deren Namen man niemals erfahren habe. Die Augen waren geschlossen. Das Gesicht war friedlich, von wehmütigem Ausdruck, äußerst regelmäßig und berückend schön. Wenn die jungen deutschen Mädchen dieses Gesicht an der Wand betrachteten, konnten sie sich vieles dabei denken.

„Die schöne Unbekannte von der Concorde“, so nannte ein Pariser Massenblatt eine mysteriöse Dame, die neuerdings am Seineufer auftauchte: Zu Füßen des Obelisken, der den Mittelpunkt des Concordia-Platzes bildet, stand am 15. August 1977, genau gesagt, morgens um acht Uhr fünfzehn, eine junge Schönheit. Sie stand bei der Laterne, wie einst Lili Marleen. Doch war sie weder Soldatenbraut wie jene, noch tot wie die andere Unbekannte. Sie war splitternackt: dies war ihr besonderes Kennzeichen.

Um das Bild einer schönen, geheimnisvollen Unbekannten aus oder an der Seine festzuhalten, ist heutzutage kein mühevolles, sorgsames Hinderen mit feuchtem Ton mehr nötig. Photoapparat gezückt, die Dame ins Visier genommen! Frisch geknipst ist halb gewonnen.

Es war ein Pressephotograph, der morgens um 8.30 Uhr so reagierte, Doch erblickte, er die nackte Dame nicht gleich, als er des Weges kam. Zuerst fiel ihm ein anderer Photograph ins Auge, der aus nächster Nähe sehe Kamera auf eine Stelle zwischen Obelisk und Laterne gerichtet hielt. Der Hinzugekommene sah genauer hin, und da gab es denn auch für ihn kein Halten mehr. Das Bild, das so spontan zustände kam, wurde dann am 15. August veröffentlicht (France-Soir) und dies gleich zweimal. Der weibliche Akt nebst angekleidetem fremden Photographen, dieser in voller Tätigkeit und im Querformat dargestellt. Und im Hochformat erblicken wir dann die berühmte aus Luxor stammende Säule, welche die Taten des großen Ramses verewigt, diesmal noch verschönt durch die nackichte Kleine.

Die Zeitung weist darauf hin, daß Paris im August ziemlich leer ist. Die Pariser seien in Urlaub auf dem Lande oder an der See, und die Touristen kämen so früh nicht aus den Federn. Es sei also ein leichtes, ein Mädchen an einem Ort auszukleiden, der sonst zu den belebtesten Plätzen der Welt zählt, Soweit das Pariser Journal über die „Unbekannte von der Concorde“. Wir aber fragen uns, warum.

Warum ließ sich die schöne Unbekannte mitten in Paris nackt photographieren? Wir wollen hoffen, daß sie es aus Liebe tat. So wie einst angenommen wurde, daß die andere schöne Unbekannte aus Liebe in die Seine gesprungen war. Von heute aus gesehen, könnte man allerdings auch den Eindruck haben, daß die eine wie die andere des Geldes wegen in den Ruf, die schöne Unbekannte zu sein, gekommen ist. Die erste, weil sie keines hatte, die andere, weil sie welches bekommen wollte.

Ob es in Jungmädchenkammern wohl noch den Abguß der „Inconnue de la Seine“ gibt? Daß die „Inconnue de la Concorde“ als Pin-up bei unseren Jungen auftaucht, ist zu erwarten. Sie können sich bei ihrem Anblick so viel denken.