Eines Tages werden sie hoffentlich über unsere Zäune klettern, über unsere Blumenbeete trampeln, uns bei Kaffee und Kuchen in der guten Stube knipsen und sich auch ganz allgemein mit gleicher Linse, pardon, Münze für damals revanchieren, als wir unsererseits in ihr schönes Urlaubsland hereinschneiten und sie, möglichst in pittoresker Armut, so eifrig ablichteten.

Dieser Tag des Gegenbesuchs, den wir eigentlich verdient haben, scheint zwar noch weit – und doch zeichnet sich bereits ein Trend ab: Die Bereisten dieser Welt beginnen nun selbst, andere Länder zu bereisen, allen voran die Jugoslawen.

Wenn noch vor fünf Jahren etwa ein Serbe oder Kroate eine längere Reise tat, dann meist nicht zu sonnigen Stränden, sondern vielmehr zum Platz am Fließband irgendwo in Deutschland. Urlaub auf jugoslawisch spielte sich, wenn überhaupt, bei Verwandten oder in den Staate lichen Erholungsheimen an der Küste ab. Heute dagegen kann sich Marko Normalbürger nicht nur die eigenen Luxushotels an der Adria leisten – diesen Sommer hat man das insbesondere in Orten wie Dubrovnik gemerkt. Inzwischen ist er gar zum Economy-Glass-Mitglied des Jet-Sets geworden.

Nur mal so zum Spaß, nicht anders als mancher Bundesbürger, steigt er ins nächste Flugzeug nach Frankfurt, München oder Wien und verbringt dort ein verlängertes Wochenende. Kostenpunkt: zwischen 2300 und 2700 Dinar, also zwischen 300 und 350 Mark. Sein Billig-Shopping erledigte er bislang im nahen Triest. Heute dagegen fliegt er für sieben Tage, die ihn rund 520 Mark kosten, nach London. Im Lande des schwindsüchtigen Sterlings läßt sich auch mit Dinar gut einkaufen.

Der steigende Lebensstandard in den sechs Republiken macht’s in erster Linie möglich und natürlich auch die staatlichen Großveranstalter wie Centroturist, Atlas und Kompas. Deren dicke, bunte Broschüren waren heuer so schnell vergriffen wie noch nie. Im Belgrader Büro des Centroturist drängelten sich die reiselustigen Werktätigen schon frühmorgens wie beim Sommerschlußverkauf vor den Schreibtischen ihrer Ferienberater.

Da buchte zum Beispiel eine Hausfrau aus Novi Sad eine zweiwöchige Flugreise nach Djerba für umgerechnet 773 Mark, ein Kellner zehn Tage durch die USA für 1300 Mark und ein Ingenieur den großen Clou der Saison, nämlich eine 22tägige Weltreise für 4720 Mark.

Titos Bürger verdienen im Schnitt rund 4400 Dinar (572 Mark) monatlich. Woher also nehmen sie das Geld für’s Globetrotten? Ganz ohne die „Jik Banka“ machen’s auch Centroturist oder Atlas nicht möglich. In jedem größeren Reisebüro hat diese Bank gleich einen Kassenschalter Dort bekommt der Kunde einen Reisevorschuß, den er in sechs bis höchstens zehn Monaten abstottern kann. Denn auch „ziveti na kredit“, das Leben auf Pump, haben die Jugoslawen dem Westen inzwischen abgeguckt. Peter Hays