Von Lothar Ruehl

Dreißig Milliarden Dollar Mehraufwand, um die Vorneverteidigung auf deutschem Boden zu ermöglichen – diese Mitteilung des amerikanischen Verteidigungsministeriums hat wie ein Schock gewirkt. Diese dreißig Milliarden müßten in fünf Haushaltsjahren zusätzlich ausgegeben werden, also sechs Milliarden mehr pro Jahr, das sind fünf Prozent des amerikanischen Verteidigungsetats.

Was eine solche Zusatzausgabe für die amerikanische Verteidigung real bedeuten würde, ist nach den summarischen Angaben aus Washington nicht aufzuschlüsseln. Immerhin hatte der neue Minister im Pentagon, Brown, aus dem Budget, das sein Amtsvorgänger Rumsfeld ihm für das Haushaltsjahr 1977/78 hinterließ, ausgerechnet jene 600 Millionen Dollar herausgestrichen, die für eine Verbesserung der amerikanischen Kampfkraft in Europa eingesetzt worden waren. Kurz danach schlug Präsident Carter im Mai auf dem Londoner Nato-Gipfel den Verbündeten eine gemeinsame – inflationsbereinigte – durchschnittliche Erhöhung der realen Verteidigungsausgaben um etwa drei Prozent vor und fand damit die prinzipielle Zustimmung der Europäer, wenngleich mit Vorbehalten.

Für Amerika würden drei Prozent beim Militäretat ungefähr etwas über drei Milliarden Dollar im Jahr ausmachen – also die Hälfte der Schockrechnung, die Washington jetzt für eine wirksame Vorneverteidigung aufgemacht hat.

Diese amerikanischen Ungereimtheiten lassen sich mit Unkenntnis, Mangel an persönlicher Erfahrung der neuen Verantwortlichen im Umgang mit Haushalten, Streitkräften und Verbündeten, mit Ressortinteressen an möglichst breiten Sicherheitsmargen gegen unvermeidliche Kürzungen der Haushaltsansätze und mit bürokratischer Rückversicherung erklären. Aber entscheidend ist die Frage: Wie teuer darf die Vorneverteidigung in Deutschland denn für Amerika sein? Von welchem Preis an würde sie sich nicht mehr lohnen? Mit anderen Worten: Wieviel ist Amerika der wirksame Schutz seines deutschen Verbündeten und strategischen Glacis im Kriegsfall wert?

Die Diskussion über solche Fragen ist in einem unbefristeten Friedensbündnis ebenso unvermeidlich wie die Überlegung: Wie notwendig ist es, amerikanische Truppen in einer bestimmten Stärke auf unbestimmte Zeit über fünftausend Kilometer entfernt und jenseits des Ozeans in Europa zu belassen? Das rührt an das Mark eines Verteidigungsbündnisses. Hinzu kommt: Mit welchen Mitteln, mit welchen Waffen und um welchen Preis an Opfern und Zerstörung sollte die Vorneverteidigung Westeuropas auf deutschem Boden im Kriegsfall durchgefochten werden? Dabei geht es nicht einfach um die militärische Defensivstrategie, die Strategie der „flexiblen Erwiderung“, die den Rückgriff auf die Kernwaffen so lange wie möglich zu verzögern und dann so eng wie möglich zu begrenzen sucht, sondern auch um eine moralische und politische Frage an alle Verbündeten. Auf wessen Boden würde sich die gemeinsame Verteidigung zuerst abspielen?

Die Kosten einer wirksamen Vorneverteidigung hängen zusammen mit der Frage, mit welchen Waffen und Mitteln sie versucht werden soll. Würde für jeden größeren Angriff auf das Bündnisgebiet der nur geringfügig verzögerte Rückgriff auf Kernwaffen gegen das Aufmarschgebiet des Angreifers in bewußter Hinnahme des Risikos einer Eskalation des Krieges angedroht und vorbereitet, dann würde die Verteidigung im Frieden billiger und ihre Abschreckung auf jede Angriffsabsicht stärker, weil der Angriff für den Angreifer in jedem Fall teurer würde.