Dublin, im August

Er ist ein Mann für viele Gelegenheiten und ein bißchen von allem: Zirkusdirektor, Businessman und Public-Relations-Manager. Bei meinem Eintreten legt er ein Manuskript beiseite, die Kritik eines Kunstbandes für eine „ziemlich radikale Monatszeitschrift“. Noch immer kann er die Hände nicht vom Journalismus lassen, obwohl er eine Menge anderes zu tun hat. Auf dem Schreibtisch liegt, angelesen, ein Werk über die historische Entwicklung der sowjetischchinesischen Beziehungen, Vorbereitung für eine Peking-Reise Mitte September. In den 30er Jahren arbeitete er als Reporter beim „Daily Express“, wurde gefeuert („weil ich eine Story nicht zu Ende recherchiert hatte“) und wechselte auf die andere Seite der Fleet-Street zum „Daily Mail“, der ihn als Sonderkorrespondent mit Sitz in Schanghai in den chinesisch-japanischen Krieg entsandte. Er war neugierig, was ihn dort erwartete.

Michael Morris 3. Lord Killanin ist jetzt 62 Jahre alt – und ein bißchen weiser. Dabei war dieser Mann für seine Lebensversicherung immer eine Risikoperson: Er hatte Übergewicht, arbeitete zuviel, rauchte viel und war Liebhaber des irischen Nationalgetränks Whisky.

Seit einigen Monaten ist das anders. Präzise: seit jenem Samstag im Mai, als er seinem Sohn Michael Morris, einem der besten Jockeys des Landes, bei dessen Siegesritt im Goldcup zujubelte. Zur Zeit der Siegerehrung lag er schon mit vier Schläuchen an einen Monitor gefesselt in der Intensivstation einer Dubliner Klinik: Herzinfarkt.

Mittlerweile schlottern ihm die Hosen um die Hüfte und kein Jackett paßt mehr. Er nahm von allem die Hälfte und verlor 20 Kilo Gewicht. Demnächst wird er auch um ein Amt leichter sein. Wenn er guter Laune ist, wird seine Sprache farbig: „Sie können mich ins Hinterteil treten, wenn Sie 1980 erleben, und ich mich zur Wiederwahl stelle.“

Obwohl ihm die Regel weitere vier Präsidentenjahre einräumt, will er seinen Prinzipien treu bleiben. „Ich bin für Wechsel und für neue Ideen.“ Immerhin: Wenn er 1980 zurücktritt, ist er nur ein Jahr älter, als Avery Brundage bei seinem Amtsantritt war. Vor fünf Jahren, am 23. August 1972, dem Vorabend der Spiele von München, hatte er den damals 85 jährigen Amerikaner abgelöst. Der Gedanke, plötzlich in der Ecke zu sitzen und nicht mehr à la Kissinger durch die Welt zu reisen, beunruhigt ihn schon jetzt. Aber wie der Ex-Außenminister der USA will auch er seine Memoiren schreiben.

„Sie werden wohl nicht so gut gehen wie die von Kissinger“, sagt er, „aber interessant werden sie, wenn ich nur an die geheimen Memoranden in Montreal denke.“ – Seine ständigen Reibereien mit seinem Vorgänger Avery Brundage, den er einmal voller Wut mit „Sie Faschist“ titulierte, bilden ein reizvolles Kapitel.