In einem Schreiben an alle SPD-Bundestagsabgeordneten sagt Bundes-Forschungsminister Hans Matthöfer zur Atomenergiepolitik unter anderem:

„Bei einem Genehmigungsstopp für neue Kernkraftwerke fehlen nach 1985 mindestens 10 000 MW (Megawatt). Die Ausweichmöglichkeiten sind gering – Eine Genehmigungspause für Kernkraftwerke wird also nur bei einem Wirtschaftswachstum von weniger als vier Prozent ohne negative Folgen in Form einer Energielücke bleiben beziehungsweise wird sie verhindern, daß das Wirtschaftswachstum im Schnitt über die kommenden Jahre diesen Wert erreichen kann, womit ... wachsende Arbeitslosigkeit unvermeidlich wird...

Wirtschaftspolitische Konsequenzen: Mit der Genehmigungspause für Kernkraftwerke ist in jedem Fall ein starker Auftragsrückgang für die Kraftwerksindustrie verbunden. Durch Aufträge für Kohlekraftwerke kann diese Lücke weder quantitativ noch qualitativ geschlossen werden, auch wenn der Arbeitsmarkteffekt pro MW zumindest rein quantitativ nicht grundsätzlich unterschiedlich ist.

Durch den vorübergehenden Verzicht auf die Nutzung der Kernenergie in der Bundesrepublik werden die Exportchancen der deutschen Kernkraftwerksindustrie geschmälert.

Die Ausstrahlung der Problematik der Kraftwerkswirtschaft auf andere Wirtschaftszweige wird voraussichtlich einen negativen Konjunkturimpuls mit sich bringen. Die Unsicherheit über die künftige Stromversorgungs- und Tarifsituation wird das Investitionsklima nicht verbessern.

Sozialpolitische Folgen: Während das langfristig angelegte Energieeinsparungsprogramm der Bundesregierung dem Ziel der Infrastrukturverbesserung mit den sozialpolitischen Zielvorstellungen übereinstimmt, stehen kurzfristige Energieeinsparungsprogramme häufig im Widerspruch zu diesen Zielen.

Innenpolitische Konsequenzen: Die Konditionierung der Genehmigung neuer Kernkraftwerke mit der ersten Teilerrichtungsgenehmigung für das Entsorgungszentrum bedingt eine Konzentration von Befürwortern und Gegnern der Kernenergie auf das Entsorgunszentrum und vermutlich erneute Konfrontationen an diesem Ort.

Schlußfolgerungen: Eine Genehmigungspause für neue Kernkraftwerke wird durch die Existenz von Kernkraftwerken und Kraftwerksbaustellen und durch den Zwang zur Lösung der Entsorgungsfrage keine Pause in der Kernenergie-Diskussion bringen und damit einen möglichen Zweck – die vorübergehende Befreiung von einem momentan nicht lösbaren Problem – nicht erfüllen. Dem steht eine große Zahl von schwerwiegenden Problemen und Risiken gegenüber, die natürlich heute nicht mit ausreichender Präzision dargestellt werden können. Es besteht jedoch kaum ein Zweifel daran, daß sie in der augenblicklichen Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage Wirkungen auslösen, die in die falsche Richtung gehen.