Die Rostocker Handelsflotte auf Fahrt für Devisen und Staats-Renommee Daß ausgerechnet ein DDR-Frachter ein in England hergestelltes Minenortungsgerät für die Bundeswehr nach Hamburg transportierte, das ist eine Affäre, die zu allererst das Verteidigungsministerium angeht, Sie beleuchtet aber auch die Allgegenwart der Ostblockreedereien auf den westlichen Frachtenmärkten. Über die Dumping-Konkurrenz der sowjetischen Handelsflotte klagen die westeuropäischen und amerikanischen Schiffahrtsgesellschaften seit Jahren. Aber auch die Handelsflotte der DDR transportiert nicht nur Export- und Importgüter für den eigenen Staat. Sie befördert auch Fracht für dritte Länder und zwar oft zu Tarifen, die unter denen der Schifffahrtskonferenzen liegen.

Nur mit diesen niedrigen Tarifen ist es zu erklären, daß die Londoner Plessey-Werke das von ihnen hergestellte Sonargerät auf dem Rostocker Küstenmotorschiff „Bansin“ nach Hamburg bringen ließ. Vor allem in Großbritannien sind die „DSR-Lines“ der DDR groß im Geschäft. Allein vier regelmäßige Liniendienste der DDR-Reederei mit 40 Fahrten im Monat verkehren zwischen dem Kontinent und den britischen Häfen London, Hull und Tilbury. Jeder Transport, den die DDR-Schiffe für westliche Länder ausführen, bringt wertvolle Devisen in die Kassen des ostdeutschen Staates.

Genau 201 Schiffe mit zusammen 1,8 Millionen Ladetonnen fahren derzeit für den „VEB Kombinat Seeverkehr und Hafenwirtschaft – Deutfracht/Seereederei“, wie der international als „DSR-Lines“ bekannte Schiffahrtskonzern der DDR offiziell heißt. Zu dieser stattlichen Flotte gehören unter anderem 107 Stückgutschiffe, 41 Küstenmotorschiffe, 19 Massengutschiffe, 10 Tanker, neun Containerschiffe, acht Kühlschiffe und etliche Spezialfrachter. Die „DSR-Lines“ fahren auf 21 regelmäßigen Linien nahezu in alle Welt. Nur die Westküste Amerikas, Südafrikas und Australien werden nicht regelmäßig angelaufen. Mehr als 200 Agenturen und 30 Reedereivertretungen auf vier Kontinenten besorgen Fracht für die Rostocker Flotte.

Dabei bedient sich die DDR-Reederei freilich nicht ganz so rigoroser Methoden wie die sowjetischen Reedereien, deren Schiffsbestand weit über den eigenen Bedarf hinausgeht. Um internationales Renommee bemüht, haben sich die DSR-Lines häufig den Frachtenkonferenzen der westlichen Länder angeschlossen, zum Beispiel bei den Linien in die Levante, nach Mittelost, Fernost, Indien, Pakistan, Ceylon, West- und Ostafrika und nach Brasilien.

Auf diesen Linien halten sich die DDR-Reeder an die Kartelltarife der Konferenzen. Dabei begegnen sie oft sogar der sowjetischen Konkurrenz, die insgesamt nur bei vier Schiffahrtskonferenzen Mitglied ist. Seit Anfang 1976 zum Beispiel versucht die sowjetische Besta-Linie in den Verkehr von Nordwesteuropa nach Ostafrika mit Dumpingpreisen einzudringen. Diese Linie war bisher die Domäne einer Schiffahrtskonferenz, der nicht nur westeuropäische und afrikanische Reedereien angehören, sondern auch die DSR-Lines und die Polskie Linie Oceaniczne.

Diese Konferenzmitglieder fahren zu festen Tarifen nach einem regelmäßigen Fahrplan nach Ostafrika, der beispielsweise von Hamburg 55 Abfahrten im Jahr vorsieht. Die Sowjetschiffe dagegen gewähren auf dieser Linie hohe Frachtnachlasse, und sie haben allein von Hamburg nach Ostafrika 31 Abfahrten im Jahr eingeplant.

Dort allerdings, wo sie keiner Schiffahrtskonferenz angehören, eifern die DSR-Lines dem sowjetischen Beispiel nach. Als Außenseiter fahren sie vor allem nach Großbritannien, nach Finnland, in die Türkei, nach Süd- und Mittelamerika, nach Ägypten und Algerien, in den Persischen Golf und natürlich in alle Häfen kommunistischer Staaten. Ihre Tarife liegen bis zu 50 Prozent unter den Sätzen der Konferenzen. Zu solchen Dumpingpreisen transportiert die DDR zum Beispiel EG-Butter und Zucker von Bremen nach England.