ARD, Sonntag, 21. August: „Wunschkonzert“ – Erinnerungen an das „Dritte Reich“ von Paul Karalus

Die Propaganda der Nationalsozialisten: Das war Zuckerbrot und Peitsche, Idylle und Heroismus zugleich. Auf der einen Seite „Gute Nacht, Mutter, gute Nacht“ oder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ oder „Es geht alles vorüber“ und auf der anderen der Befehl an das Volk, es möge sich seinen Willen von den Führern formulieren lassen. („Das Volk“, sagte Goebbels, „will alle, auch die schwersten Belastungen auf sich nehmen und ist bereit, jedes Opfer zu bringen“: womit er den Massen einen Willen unterstellte, der in Wahrheit nur der Wille der Regierenden war.)

Auf der einen Seite das Wunschkonzert, an dessen Ende Heimat und Front, wie es in der Metaphorik des Dritten Reiches hieß, einander die Hand drückten, und auf der anderen der Goebbelssche Sportpalast, der als nationalsozialistische Kirche drapiert war, in Kreuzform, über dem Redner-Altar das Symbol der Partei: zwei Ausdrucksformen des Faschismus, die untrennbar zusammengehören. Hier der Schlagersänger und die schunkelnden Krankenschwestern und Landser und dort der Katechet, der seiner Gemeinde ein Glaubensbekenntnis abverlangt, Wollt ihr den totalen Krieg? – das sind einander ergänzende Propaganda-Elemente, Mechanismen, die auf die totale Manipulation des Menschen abzielen.

Manipulation durch den Schlager, Manipulation durch Gebrüll und durch Drohung: das Schauspiel war sorgfältig einstudiert, die Schau bis ins Kleinste durchkalkuliert – wie sehr, das machte Paul Karalus am Beispiel des Wunschkonzerts deutlich. In der gleichen Weise, wie sich am 18. Februar 1943, dem Beginn des sogenannten totalen Kriegs, die Gemeinde im Sportpalast versammelte, um in der festen Burg Zuflucht zu suchen, Zuflucht aus den Weiten Rußlands ..., in der gleichen Weise versammelte sich Sonntag für Sonntag die Volksgemeinschaft vor den Lautsprechern, um Heinz Goedeckes Stimme zu lauschen.

Diesen Zusammenhang, das Miteinander von Wunschkonzert-Poesie und brutaler Deklamation sichtbar gemacht und das Doppelgesicht faschistischer Innerlichkeit veranschaulicht zu haben, ist Paul Karalus’ Verdienst. Sein Film hat gezeigt, wie die Nationalsozialisten vorgingen, wenn es galt, Symbole zu stehlen, der Kunst und der Kirche Rituale zu rauben und sie, verkitscht und fremdbestimmt, in den Dienst ihrer Sache zu stellen. Er hat aber auch gezeigt, dieser Film, und das ist sein eigentliches Verdienst, wie die Wirklichkeit aussah, der die schöne und heroische Scheinwelt so ganz und gar nicht entsprach. Indem er Schreckensszenen von Hawaiigitarren begleiten ließ, und den Schrei mit dem Schmalz konfrontierte, den Schlager mit dem Bomber, zeigte Karalus – ohne verbale Belehrung, allein durch die Dialektik der Schnitte– den Gegensatz zwischen nationalsozialistischer Selbstdarstellung und Realität – einer Wirklichkeit, die sich, sehr konsequent, im Film stumm präsentierte; Die „Gute Nacht, Mütter“-Schnulze brach ab, als die jüdische Frau mit ihrem Jungen, als die zum Skelett abgemagerten Kinder und die durch die Straßen gejagten Trupps aus dem Warschauer Getto auf dem Bildschirm erschienen.

Dank an Paul Karalus. Es wurde Zeit, endlich deutlich zu machen, was die Inszenierung der deutschen Faschisten kostete und zu wessen Lasten das Schauspiel ging, dessen Perfektion heutzutage wieder manch einer bewundert, indem er so tut, als ob es möglich sei, Brechts Ballade vom Weib und Soldaten ohne die letzte Strophe zu singen. Momos