Außenseiter behaupten: Die Preisbindung wird mißbraucht

Von Horst Kerlikowsky

Der Vorwurf ist massiv. Er richtet sich gegen eine Organisation, die sich als kulturelle Institution und Wächter der Moral im Verlagswesen versteht, gegen den Börsenverein für den deutschen Buchhandel e.V. Sein Inhalt: Der Verein habe zum „Mißbrauch der Preisbindung angestiftet“. Und Peter Niemann, Inhaber des Pamir-Verlages, Bern/München, will deshalb Bundeskartellamt in Berlin mobilisieren.

Der Vorstoß bei den Wettbewerbshütern ist eine Gegenattacke. Niemann geht es weniger ums Prinzip als um sein Geschäft, das er durch öffentliche Äußerungen des Börsenvereins und Prozesse von Verlegern gefährdet sieht.

Niemann verlegt seit 1974 sogenannte „Kaffeebücher“, die nur über die Verkaufsstellen eines Kaffeerösters vertrieben werden. Mit einem Buch über die Fußballweltmeisterschaft, für das Franz Beckenbauer seinen Namen als „Autor“ gab, gelang ihm der erste große Renner. 250 000 Exemplare hatte die Bremer Firma Eduscho ihm fest abgekauft und für 10,95 Mark den Kunden angeboten. Der Erfolg des Buches war nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft durch die deutsche Mannschaft so groß, daß schnell noch 150 000 Exemplare nachgedruckt werden mußten – und alle waren in dreizehn Tagen vergriffen.

Zur Winterolympiade verhalfen die Goldmedaillen der Rosi Mittermeier zu einem ähnlichen Buchhit. 250 000 Exemplare konnten zu 9,95 Mark verkauft werden. Dann wechselte Niemann seinen Partner und verlegte vor kurzem eine Million Kinder-Malbücher für Tchibo, die ohne Werbung bei einem Preis von 95 Pfennig reißend Absatz fanden.

Niemanns Erfolge – und ähnliche von anderen Verlegern – erweckten den Zorn des Buchhandels, der sich um sein Geschäft gebracht sah; denn er konnte vergleichbare Bücher zu vergleichbaren Preisen (die Buchhandelspreise sind dreimal so hoch) nicht bieten. Der Grund liegt darin, daß mit der steigenden Auflage die Herstellungskosten stark abnehmen – und hohe Auflagen sind beim Vertrieb meist erst in Jahren zu erzielen. Außerdem fallen bei den Kaffeeröstern die Vertriebskosten weg, die beim Buchhandel durch die Einschaltung von Verlagsvertretern und Grossisten entstehen.