Die Touristen von Torremolinos bis Alicante konnten erleichtert aufatmen: Was tagelang wie eine drohende Gewitterwolke an Spaniens sonnigem Ferienhimmel gehangen hatte, verflüchtigte sich zumindest an der Costa del Sol, als am 15. August in Malaga Hoteliers und Gewerkschaftler übernächtigt auseinanderliefen.

In letzter Minute war für Spaniens Costa del Sol ein Hotelstreik abgewendet worden, der für die Ferienzentren an der total ausgebuchten Küste Verhängnisvoll hätte werden können. Denn das beherzte Eingreifen fröhlicher Familienväter, die angesichts streikender Köche die Hotelküchen gewissermaßen im Handstreich übernahmen, war zwar ein sonniger Ferienspaß – es konnte jedoch die Besorgnisse der Touristikmanager nicht verdecken, die bei einem Anhalten des Streiks bereits um das Feriengeschäft des nächsten Jahres bangten. Die Vereinbarung von Málaga, bei der die drei großen spanischen Gewerkschaften UGT, USO und Comisiones Obreras eine lineare monatliche Erhöhung von fünftausend Peseten aushandelten, wird im – April 1978 überprüft. Schon heute ist denkbar, daß sich dann der soeben entschärfte Arbeitskonflikt neu entladen könnte.

Die berechtigte Ursache dieses Streiks ist nämlich die latente Unzufriedenheit des spanischen Arbeitnehmers über eine horrende Preissteigerungsrate gewesen, die im ersten Halbjahr 1977 bereits die Marke von 14,6 Prozent erreichte und die sich bis zu Beginn des nächsten Feriensommers nach gegenwärtigen Prognosen noch fortpflanzen wird. Hinzu kommt der geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad des spanischen Hotelpersonals, das sich zuerst in Zaragoza, später in den Touristikzentren an der Costa Verde und schließlich an der Costa del Sol spontan und unkontrolliert für eine Arbeitsniederlegung entschied. Obwohl die spanische Gewerkschaft UGT nach einer Massenveranstaltung in Torremolinos selbstbewußt verkündete, daß sich die Gewerkschaften als starke Kraft der streikenden Portiers, Kellner und Liftboys erwiesen hätten, ist eine Neuauflage des Arbeitskampfes nicht auszuschließen: In Andalusien beträgt die Arbeitslosenquote nahezu zehn Prozent, zwei Drittel des Hotelpersonals werden nach Abschluß der Feriensaison aus den Verträgen entlassen und gehen gewöhnlich in Spaniens Großstädten erneut auf Stellensuche.

In La Corona und Santiago de Compostella hat der Streik nicht zuletzt deswegen so lange gedauert, weil die Hoteliers auf eine Wiederbeschäftigung dieses arbeitslosen Fachpersonals verpflichtet werden sollten – um die Kosten möglichst niedrig zu halten, hatten zahlreiche Hotelbesitzer fremde Aushilfskräfte sowie Schüler und Studenten angeheuert, die meist die vorgeschlagenen Niedriglöhne bereitwillig akzeptierten.

In Malaga hat man sich noch damit begnügt, diese Zusatzvereinbarung zugunsten einer Erklärung der Hotelbesitzer abzuschwächen: Es wurde garantiert, daß das streikende Personal nachträglich "keine Repressalien" erleiden würde. Dennoch hat der Zorn der Angestellten über die rigorose Einstellungspraxis der Hoteliers diesen Konflikt mächtig geschürt und die umherziehenden "Piquetes" hatten oft leichtes Spiel, die Streikenden noch weiter aufzuwiegeln.

Bereits eine Woche nach dem Beschluß von Malaga zeigt sich, daß beide Seiten aus diesem Konflikt nicht ohne neue Erfahrungen hervorgegangen sind: In Malaga mußten die aufgebrachten Hoteliers erleben, daß die Direktion des neueröffneten Holiday Inn ihren Angestellten kurzerhand die geforderten achttausend Peseten Gehaltserhöhung offerierte – was zu einer scharfen Kritik des örtlichen Hotelverbandes führte. Umgekehrt hat dieser Streik zu einer zeitlichen Allianz von zwei Gewerkschaftsverbänden geführt, die sich in der Regel spinnefeind sind und die sich vor den im Oktober beginnenden spanischen Betriebsratswahlen mächtig befehden: Die der Sozialistischen Arbeiterpartei nahestehende Union General de Trabajadores (UGT) und die kommunistisch geführten Comisiones Obreras stritten gemeinsam gegen die Trotzkistisch-Maoistischen Gewerkschaftsgruppen CNT und CSUT, die in der ausgehandelten Vereinbarung von Malaga "die revolutionären Ziele des Hotelpersonals" verraten sahen.

Dieser Streik, der wie ein Sommergewitter über Spanien hereinbrach und der in Asturien und Galicien sogar wieder aufflackerte, hat leider die wachsende Kritik an den rabiaten Buchungsmethoden einzelner Touristikunternehmen in den Hintergrund gedrängt: Wegen "overbooking" wurden auf Mallorca und Ibiza einundvierzig Strafanzeigen von verärgerten Touristen registriert, die vergeblich auf ihr vorbestelltes Zimmer warteten – von den geharnischten Protesten im Büro "Turismo de Baleares" ganz zu schweigen. Die Madrider Zeitung El País berichtete von einem Charterflugzeug, das statt auf Ibiza im entfernt gelegenen Menorca landete, und spanische Zeitungen entrüsteten sich darüber, daß einheimische Urlauber gegenüber zahlungskräftigeren Ausländern benachteiligt würden. Was des einen Freud, war des anderen Leid: Im sommerlichen Spanien des Jahres 1977 zeigte die Abwertung der Peseta einmal mehr ihr Janusgesicht. Volker Mauersberger