Die Zeitung will, daß ich einen Nachruf schreibe. "Irgendwas. Ihnen wird schon was einfallen." – "Mir fällt nichts ein." Ich bin ganz ehrlich. – Verstehen Sie den Rummel?" Die Mädchen springen aus dem achtzehnten Stockwerk. Staatstrauer. Die alte Schamlosigkeit befällt wieder unsere Frauen." – "Ich versteh’ das", sage ich. – "Wußte ich doch, daß Ihnen so was gefällt." – Ich höre, wie es ihn innerlich schaudert. Er als Marx-Spezialist muß sich als Redakteur, auch um jeden Scheiß kümmern. "Die Leute tun, als sei sein Tod eine übersinnliche große skandalöse Unschönheit." –"Ein Kratzer an der Ewigkeit. Tortenschlacht mit tödlichem Ausgang." – "Ganz recht, das muß Ihnen gefallen, wußte ich doch."

Doch, das gefällt mir wirklich. Seit Tagen lese ich alles über Elvis, über seinen Tod, über die Karriere und den Niedergang und den Wiederaufstieg. Sein Tod erzeugt die gleiche Hysterie wie damals seine Auftritte. Nashville Babylon. Messianische Monstrositäten spielen sich ab. Erste Fernsehbilder amerikanischer Wochenschauen. Da stehen Tausende vor dem Anwesen, schreiend oder todstumm, weinend, singend, wartend auf seine Auferstehung. Ich lese so Unnachahmliches: "Als er Dienstag mittag um 14.30 Uhr im Badezimmer seines Hauses Graceland in Memphis (Tennessee) auf sein Gesicht fiel, half nichts mehr: Der große fette Mann hatte zu sterben begonnen." So sterben nur Tycoons.

Elvis hatte die größten Hits. Am besten wirkten sie, wenn man besoffen war, allein, auf irgendeiner Straße, die man hinabfuhr.

Elvis croonte, da war Sinatra allenfalls was fürs Highschool-Petting. Ich lieh mir Roswithas schwarzen Peugeot aus, fuhr durch die Stadt, hörte Elvis und war überzeugt, keine Zeile über ihn zu schreiben.

Ich besuchte Christian, der alle Elvis-Platten hat, außerdem so etwa zwei Zentner Elvis-Unterlagen. Ich blätterte und las, blätterte durch US-Fan-Heftchen, durch jede Menge Biographien und Bildbände, durch die Geschichte der fünfziger Jahre, soweit sie die Musik betrifft, die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit einer Jugend, der es im reichsten Land der Erde zu langweilig geworden war.

Irgendwann erlöste mich Christian und legte einen Raubmitschnitt auf, eine absolute Seltenheit.

"Die Platte gibt’s hier nicht." Elvis’ letzte Rundfunkansprache an seine Fans, kurz bevor er als einfacher GI Amerika in Richtung Europa verließ. Alle Proteste der Millionen Mädchen, die an den Präsidenten geschrieben hatten, er möge ihr Idol nicht außer Landes schicken und ihm, wenn schon, um Gottes willen seine Haare nicht auf Militär trimmen lassen, waren umsonst. Diese Hysterie damals forderte auch Todesopfer. Glaube an das Jenseits, das stärker ist als die Kraft, die notwendig wäre, die nächsten Stunden, die folgenden Tage ohne Elvis the King zu überstehen. Für Elvis’ Gegner mag es vielleicht natürlicher sein, sich irgendwo in einem deutschen Fußballstadion zerdrücken zu lassen, als sich zu Tode zu stürzen, die Oberkörper mit Lippenstift bemalt, Elvis, ich folge dir. So gehorsam geht es in manchen Rebellionen zu. Sie starben ihm hinterher, um ihn sozusagen live behalten zu können.