Ein Mann sieht schwarz, Bad Salzuflens kommissarischer Kurdirektor Gerhard-Heinz Kunzelmann prophezeit den weiteren Niedergang des lippischen Staatsbades. Tatsächlich sind die Umsätze des ausgezeichnet ausgestatteten Heilbades, zwischen Teutoburger Wald und Weser in wenigen Jahren besorgniserregend zurückgegangen. Die Zahl der Kurgäste sank von 1972 bis 1976 von 72 000 auf 54 000, der Kurmittelumsatz ging von 1,7 auf 1,4 Millionen Mark zurück. Die Einnahmen durch die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte reduzierten sich gar um annähernd 45 Prozent. Der Kurort wurde ein Opfer der Sparpolitik westdeutscher Versicherungsträger. Das Zahlenverhältnis von Privatgästen zu sozialversicherten Patienten kehrte sich vom einen zum anderen Jahr fast um. Der Anteil der Versicherungsgäste sank innerhalb eines Jahres um fünf Prozent, er beträgt jetzt noch 53 Prozent.

Bad Salzuflen zog die Konsequenz wie viele andere rezessionskranke Kurorte und entließ 230 von 720 Mitarbeitern. Kunzelmann: „Der unvermeidliche Personalabbau steht unter dem Aspekt der Negativauslese. Weiterbeschäftigt werden nicht die Besten, sondern die Unkündbaren, darunter sieben Beamte, und das sind genau sieben .zuviel. So etwas gibt es nur in einem öffentlichen Betrieb.“

Der öffentliche Betrieb, Ursache des Kunzelmannschen Unbehagens, ist das Resultat eines komplizierten historischen Werdegangs. Das Bad gehörte zum Freistaat Lippe, der aus dem gleichnamigen Fürstentum hervorgegangen war, ursprünglich ein altes Salzbergwerk, das der lippische Landesherr erworben hatte (1766). Nach dem Zweiten Weltkrieg schloß sich der Freistaat dem Land Nordrhein-Westfalen an, doch sein Sondervermögen blieb gemäß (rechtlich umstrittener) Vereinbarungen der Bevölkerung erhalten: 18 000 Hektar Wald und Ländereien, Domänen, ein Museum sowie unter anderem die Staatsbäder Salzuflen und Meinberg.

Zur Verwaltung dieses Sondervermögens konstituierte sich (1949) der Landesverband Lippe als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das bedeutet: Über die Geschicke der Staatsbäder befindet die Verbandsversammlung mit je fünf Abgeordneten der Kreistage von Detmold und Lemgo. Die Kurdirektoren sind dem Verbandsparlament gegenüber verantwortlich. Die oberste Dienstaufsicht einschließlich Genehmigung der Wirtschaftspläne obliegt dem nordrhein-westfälischen Innenministerium. Die lippischen Heilkuren werden nach den Maximen parlamentarischer Bürokratie verwaltet. Solches aber gilt dem engagierten Kunzelmann als unangenehme Beeinträchtigung seiner Entscheidungseffizienz. Er wünscht sich die Unabhängigkeit eines marktorientierten Wirtschaftsbetriebs.

Am Sachverhalt des Wirtschaftsbetriebs besteht kein Zweifel. Der Landesverband selbst hat definiert, wie das Unternehmen zu führen sei; „... im Sinne der Förderung des Gemeinwohls nach wirtschaftlichen Grundsätzen“. Nach Ansicht Kunzelmanns wird aber diese Auflage durch Aufsicht und Mitwirkung bürokratischer Instanzen geradezu vereitelt.

Kunzelmann:Meine Gesprächspartner sind egoistische Geschäftsleute, die man mit öffentlich – rechtlichen Mitteln kaum unter einen Hut bringen kann, wohl aber nach den Spielregeln eines freien Unternehmens.“ Resümee: „Raus aus dem Landesverband, rein in eine GmbH.“

Um die Zukunft des Staatsbades bangte Verbandsvorsteher Helmut Holländer sogar selber schon. In einer Festansprache zu Ehren des scheidenden Kurdirektors Diekmann äußerte er Befürchtungen um den lebendigen Organismus des Staatsbades: „... ja die ganze Stadt ist in ihrer Existenz bedroht.“ Die Stadt ist in der Tat vom Bad abhängig. Zum Organismus des Kurbetriebs mit zehn Heilquellen (Indikationen: Herz und Kreislauf, Luftwege, Rheuma, Frauenleiden, Nerven), einem Diagnostischen Zentralinstitut, vier Bade- und Kurmittelhäusern, zwei Bewegungszentren mit vier Schwimmbädern, einem Parksanatorium, Kurtheater und 120 Hektar Park- und Erholungsgelände (dazu die Pachtbetriebe) gehört der Kurort mit 18 000 Einwohnern, 48 niedergelassenen Badeärzten, acht Kliniken und 8400 Fremdenbetten. Die arbeitende Bevölkerung ist zu knapp 60 Prozent im Dienstleistungsgewerbe beschäftigt.