Von Christian Graf von Krockow

Roter Stern über China“ – dieses Buch hat einst Mao Tse-tung und die anderen obskuren Höhlenbewohner von Yenan der Welt bekannt und den Autor berühmt gemacht: Edgar Snow. Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tode, erscheint sein Buch:

„So fing es an – Erfahrungen mit neuen Zeiten“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1977; 528 S., 38,– DM.

Das amerikanische Original stammt allerdings schon aus dem Jahre 1958. Nichts Neues also, keine Enthüllungen über die „Viererbande“, überhaupt sehr wenig über China, was man in anderen Büchern von Snow nicht längst hätte nachlesen können. Dafür freilich eine Vielzahl von farbigen Berichten aus der Vorkriegszeit, aus dem Zweiten Weltkrieg und der Periode danach. Konfrontation mit dem Sowjetregime und – im Kontrast dazu – mit russischen Menschen, Gespräche mit Gandhi und Nehru, mit König Ibn Saud und Präsident Roosevelt.

Also die posthum auf den Markt geworfene, die Dividenden des frühen Ruhms berechnende Trophäenparade eines „rasenden Reporters“? Vielleicht. Immerhin stammt sie von einem, der sein Handwerk, die Sprache, beherrscht, der in zwei Sätzen Bilder mit Tiefenschärfe entwerfen kann, wie – um nur ein Beispiel anzuführen – von Maos Gegenspieler Tschiang Kai-schek: „Er war kein großer, sondern ein kleinlicher Tyrann; er scheiterte, nicht etwa, weil er Cäsar gewesen wäre oder zu viele Leute getötet hätte, sondern weil er zu wenige von den richtigen Leuten tötete; er begriff nie, daß er seine schlimmsten Feinde im eigenen Lager zu suchen hatte. Tschiang war nicht resolut, sondern halsstarrig; nicht weise, sondern verkalkt; nicht diszipliniert, sondern gehemmt; nicht originell, sondern unter den Relikten der Vergangenheit stöbernd; und nicht skrupellos, sondern nur eitel – was niemand besser wußte als die habgierigen Schmarotzer, die sich an ihn hängten und ihn schließlich auffraßen.“

Vor allem jedoch zeichnen drei Eigenschaften den Reporter und Autor Edgar Snow aus: Genauigkeit, Wißbegier und Anteilnahme. In der Kombination und in der Balance dieser Eigenschaften gelingen wie von selbst die Entdeckungen: des Morschen hinter prächtiger Fassade und des Neuen, der Zukunft im Unscheinbaren,

Noch etwas Wichtiges kommt hinzu: Unabhängigkeit. Das gilt im doppelten Sinne, vorab handfest und praktisch. „Ein Freiberufler ohne Kapital ist ein hilfloser Sklave.“ Wer deshalb Unabhängigkeit erkämpfen und bewahren will, muß früher aufstehen und härter arbeiten als andere. Die praktische Unabhängigkeit wäre indessen zu nichts nütze ohne die geistige. Snow war niemandes Kirchgänger oder „fellowtraveller“; seine Freundschaft mit Mao Tse-tung und Tschou En-lai, seine Sympathie für das neue China hinderten ihn keineswegs daran, eben dieses China als „Tugendpfuhl“ und „Pfadfinder-China ironisch zu distanzieren und sich heiter daran zu erinnern, wie er in Yenan die Mitglieder des Politbüros samt ihren Frauen dadurch „korrumpierte“, daß er ihnen das Pokern beibrachte. Mit denen, die kritiklos ferne Idole anbeten, rechnet er ohnehin schneidend ab. Engagement für die Geschundenen – ganz gewiß, aber bewacht durch Skepsis; kein Sozialismus des simplen Umkehrschlusses vom Elend und der Ohnmacht auf die Tugend, sondern ein Sozialismus des Prüfens, ja des Zögerns nach dem Modell der britischen Fabier, vermittelt durch George Bernard Shaw.