ARD, Freitag, 26. August, 22.25 Uhr: „Im Scheinwerferlicht“, Film von Jeanne Moreau

Sie setzt sich in Szene, die Dame. Buch, Regie, Thema und Hauptrolle: Jeanne Moreau. Das kann nicht gutgehen. Situationen, Szenen, Einstellungen, einen Satz, eine Robe, lauter schöne, glamouröse Erfindungen allein zum höheren Ruhm eines Stars, zur Komplettierung eines Image, zur Intimbeichte „Jeanne Moreau spielt Jeanne Moreau“? Sie spielt in ihrem Film „Lumière“ („Im Scheinwerferlicht“) eine Schauspielerin, aber doch nicht sich selbst, sondern eine Rolle. Und diese Rolle hat viel mit ihr zu tun, aber auch mit den Problemen ihres Berufs, den eigenen Erfahrungen in diesem Beruf.

Privatleben und professionelle Schauspielerei, die tagtägliche persönliche Gefährdung von Menschen, die wie andere fühlen und ständig Gefühle simulieren, „spielen“ müssen, der Konflikt vom schönen Schein vor der Kamera und den traurigen Realitäten danach zu Hause: ein großes Sujet, das Jeanne Moreau mit dialektischem Raffinement vergegenwärtigt, indem sie sich als ihre Hauptdarstellerin dazu anhält, ihrem ganz kritischen Rollenverständnis als Schauspielerin zu trauen. Oder, besser, zu mißtrauen. Sie setzt sich in Szene, ganz kurz und andeutungsweise, man denkt, das kann nicht gutgehen – und ist beim Thema. Das Talmi wird Zitat, die „Inszenierung“ zur Reflektion über das Inszenieren, über Kino, Entertainment.

Die Voraussetzungen und die Erwartungen bei diesem Unternehmen waren schrecklich. Schauspieler, die plötzlich inszenieren, neigen leider zu aufgeplusterten, theatralischen Exzessen. Frauen, die über ihr Berufsleben zu reden beginnen, sehen sich fast automatisch dem Vorwurf ausgesetzt, alles auf die Frauenthematik, die Emanzipation oder deren Verhinderung, zu reduzieren. Und die Moreau, so meinte ein zynischer amerikanischer Kritiker, sei als Schauspielerin unansehnlich geworden, habe sich schnell ins Regiefach rübergerettet und verwurste als letzte Rettung ihre Autobiographie. Daß „Lumière“ nicht die große zurechtgebogene Konfession wurde, kein Emanzipationskolleg, sondern ein kluger, unaffektierter und sympathischer, weil bewußt persönlicher und ganz ehrlicher Film, hat viele Kritiker so verwirrt, daß sie lieber bei ihren Vorurteilen blieben.

„Ich bin eine Frau und Schauspielerin. Ich spreche von dem, was ich kenne.“ So schlicht und selbstverständlich wie dieses Bekenntnis ist der Film. Zwar hat Jeanne Moreau vieles in ihrer Pariser Wohnung oder in ihrem Haus in St. Tropez gefilmt, hat ihre Freundschaft mit Peter Handke und andere persönliche Details eingebracht. Aber immer wieder macht sie deutlich, daß nicht sie, die Hauptrolle oder die Moreau, ihr Anliegen ist, sondern die prekäre Existenz des Schauspielers, die verführerische Oberfläche ständiger akklamierter Exponiertheit, die gefährliche Maxime des „Verweile doch“, die Sehnsucht nach Freundschaft und Liebe jenseits der „Rollen“ und berufsbedingter Kontakte.

Das Leben und die enge Beziehung untereinander von vier Schauspielerinnen zeigt der Film. Er beginnt mit einem gemeinsamen Wochenende in einem Landhaus: zwangloses Plaudern, so leicht und behutsam inszeniert, wie das vielleicht nur eine Frau konnte. Über weite Strecken erscheint der Film selbst wie ein solch unbeschwertes, unkompliziertes Erzählen seiner Autorin. Diese angenehme Selbstverständlichkeit und die konsequent durchgehaltene Distanz sind jedoch das Ergebnis langer Arbeit: Das Projekt ist zehn Jahre alt, vom Buch gibt es fünf Fassungen, die intensive Arbeit an dem Stoff dauerte drei Jahre.

Eine sympathische Leichtigkeit hat der Film, ein großes Ensemble überzeugender Schauspieler und, immer wieder, das alte, ganz junge, schöne Gesicht von Jeanne Moreau. Ein Augenblick erinnert er an den Schluß vom „Großen Diktator“, wo Chaplin die Botschaft des Films zu seiner eigenen Sache machte und unter der Maske die Gesichtszüge des Menschen Charlie Chaplin aufleuchten. Hier kommen der Darstellerin, betroffen vom Tod eines alten Freundes, im Scheinwerferlicht, mitten in der Szene, plötzlich die Tränen. Ein Ausbruch aus der Rolle, ein Augenblick der Wahrheit als eine Szene von intensiver Präsenz, besonders gut gemacht. That’s Entertainment. Wolf Donner