Von Joachim Glaubitz

Die politischen und intellektuellen Führer des heutigen China argumentieren mit der jahrtausendealten Geschichte und Literatur ihres Landes wie sonst keine Elite anderer Staaten. Historische Ereignisse und weit zurückliegende philosophische Schulen, Legenden und Parabeln werden immer wieder herangezogen, um ideologische Strömungen zu verdeutlichen, politische Gegner indirekt anzugreifen und Ent-Scheidungen vorzubereiten. Die Massenbewegung gegen Konfuzius 1974 und die Diskussion des mittelalterlichen Romans „Die Räuber vom Liang Schan Moor“ 1975 waren die jüngsten Kampagnen, in denen die Rezeption chinesischer Philosophie und Literatur eine Rolle im Macht- und Richtungskampf der chinesischen Führer spielte. Literarische Helden und Bösewichter werden typisiert und stehen symbolisch für Persönlichkeiten der Gegenwart. So war selbst Mao Tsetung gelegentlich Zielscheibe sarkastischer Allegorien aus Geschichte und Literatur, deren Entschlüsselung auch in China oft nur Eingeweihten möglich ist. Eine Darstellung dieses subtilen Spieles um Macht und Einfluß verspricht das Buch von

Ching Ping und Dennis Bloodworth: „Das chinesische Machtspiel. Dreitausend Jahre Staatskunst.“ Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen 1977; 367 S., 34,– DM.

Eingangs wird der Versuch angekündigt, „die Vergangenheit zu beleuchten, um die Gegenwart zu erhellen“, aber – um dies vorwegzunehmen – dem interessierten Laien, für den dieses Buch ausdrücklich bestimmt ist, dürfte das chinesische Machtspiel auch nach der Lektüre noch dunkel bleiben.

Die Autoren machen es sich zu einfach: Sie präsentieren drei Jahrtausende chinesischer Geschichte in Episoden, aufgeteilt auf „Denker“, „Kämpfer“ und „Herrscher“ und versuchen in kursorischen Hinweisen, Parallelen aus dem gegenwärtigen China als Beweis für die Kontinuität chinesischen politischen Taktierens anzuführen. Dieses Verfahren führt schnell zu Übereinstimmungen, wie sie die Geschichte jedes Volkes anzubieten hat. Man wird den Eindruck nicht los, daß der Zufall der einflußreichste Ratgeber der Verfasser war, und wo der sich nicht einstellen wollte, wurden die Ereignisse kurzerhand zurechtgebogen oder uminterpretiert.

So verweisen sie auf den alten, wohl kaum nur chinesischen Grundsatz, auch in Friedenszeiten eine Armee zu unterhalten und Verhandlungen möglichst aus einer Position militärischer Stärke zu führen. Als Beweis der unveränderten Gültigkeit dieses Prinzips lesen wir, die Chinesen hätten es vorgezogen, den Vereinten Nationen erst beizutreten, nachdem sie Kernwaffen entwickelt hatten. Übersehen wurde dabei, daß die Kommunistische Partei Chinas bereits zur Gründungskonferenz der Weltorganisation 1945 ihren Vertreter nach San Francisco entsandt hat, dann aber die Repräsentation des Landes der Regierung Tschiang Kai-schek überlassen mußte. Als schließlich 1971 eine veränderte internationale Lage – und nicht der Entschluß der Pekinger Führung –den Vertretern der Volksrepublik die Übernahme des chinesischen Sitzes in New York gestattete, hatte dies mit dem nuklearen Status Chinas nichts zu tun.

Nicht minder zweifelhaft ist es, den chinesischen Philosophen Mo Tse aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert mit seinem Eintreten für Gerechtigkeit gedanklich mit Mao Tse-tungs Unterscheidung von gerechten und ungerechten Kriegen zu verknüpfen. Diese Unterscheidung ist immerhin fester Bestandteil marxistisch-leninistischer Ideologie, die ihren Einfluß auf Mao hatte.