Von Marion Gräfin Dönhoff

Auf den Leitartikel "Wenn alles in Frage gestellt wird ..." – ein Artikel, der nach dem Mord an Jürgen Ponto über Terrorismus und die verwirrenden Zeitläufe reflektierte, ist heftig reagiert worden. Die Reaktion wirft die Frage auf, worin denn heute noch die Bedeutung einer liberalen Zeitung bestehen kann und was eigentlich ihre Grundsätze sind.

Der Vorwurf mancher Leser, lautet: "Ihr, die ZEIT, die Liberalen, seid mitschuldig am Terrorismus, denn Ihr habt nicht dafür gesorgt, daß beizeiten durchgegriffen wurde." In den Worten des Bayernkuriers: "Die ZEIT schien ja früher bei einschlägigen Anlässen ihre vorrangige Aufgabe darin zu sehen, die jugendlichen Täter politischer Gewaltkriminalität und ihre ideologischen Rechtfertiger dem menschlichen Verstehen ihrer Leser nahezubringen..." Eine solche Behauptung ist wirklich an den Haaren herbeigezogen.

Wie diese Kritiker sich wohl vorstellen, daß die Rebellion der ausgehenden sechziger Jahre, die ja nicht nur die Universität, sondern alle Lebensbereiche, einschließlich der deutschen Justiz, erfaßt hatte, ausgerechnet vor den Zeitungen hätte haltmachen können? Angestoßen durch die Rebellion jener Jahre ist unsere ganze Gesellschaft verändert worden: die Begriffe von Autorität und Tradition, das Verhältnis der Generationen zueinander, das Strafrecht mitsamt den Paragraphen 175 und 218, Familienrecht, Erziehungssystem, schlechterdings alles.

Und schließlich erwartet man ja wohl mit Recht von Zeitungen, daß sie eine Art Barometer darstellen, und von Journalisten, daß sie sensiblere Antennen haben als andere Leute. Eine Zeitung, die damals nicht versucht hätte, den Spannungen und Konflikten, in der Gesellschaft auf den Grund zu gehen und über neue Wege nachzudenken, wäre ihrer informatorischen Aufgabe nicht gerecht geworden.

Es ist schon merkwürdig zu meinen, man könne einfach eine Linie ziehen von der studentischen Rebellion, die nach über zwanzig Jahren die längst fällige Universitätsreform verwirklicht sehen wollte, zu den Terroristen unserer Tage – ähnlich den Besatzungsmächten nach dem Zweiten Weltkrieg, denen sich die deutsche Geschichte von Martin Luther bis Adolf Hitler als eine einzige Kettenreaktion spiegelte. Generationen von Studenten hatten schließlich vergeblich darauf gewartet, daß die inhaltlichen Konsequenzen gezogen würden, die seit der Umwandlung der Universitäten von Eliteansta ten zu Massenausbildungsstätten fällig waren. Die Professoren, die nach 1945 ein solches Konzept entworfen hatten, beispielsweise Carl Friedrich von Weizsäcker, waren längst weißhaarige Herren geworden und hatten vor dieser Aufgabe resigniert. Erst als der "Muff unter den Talaren" verspottet wurde und die ersten Steine flogen, da ging es plötzlich.

Resümee einer liberalen Zeitung: Es ist besser, Schritt für Schritt den notwendigen Wandel zu vollziehen, als zuzulassen, daß veraltete Bewußtseinshaltungen und überständige Privilegien bewahrt und verteidigt werden, bis dann eine Situation entsteht, die man vorrevolutionär nennt und in der die Revoluzzer gedeihen wie die Pilze nach dem Regen. Wenn dann noch als einzige Antwort hierauf der Ruf nach neuen Gesetzen, nach Strafe und Knüppel ertönt, dann ist der Weg zum Polizeistaat nicht mehr weit. Daß es dahin im Laufe jener Jahre, in denen die Apo und die Antiautoritären immer mehr an Boden gewannen, nicht kam, ist dem Umstand zu danken, daß die Verantwortlichen aus der Geschichte gelernt haben. Nur so wurde es möglich, daß allmählich eine Solidarisierung der Bürger gegen die Systemveränderer zustandekam und nicht umgekehrt ein monolithischer Block aller Jungen gegen den Staat entstand.