Das kommerzielle Fernsehen ist an der Aufgabe gescheitert, sich zu einer neuen Form von sinnvoller Kommunikation zu entwickeln. Es teilt so gut wie nichts mit, das wert wäre, mitgeteilt zu werden; eine einzigartige historische Möglichkeit blieb ungenutzt Zu einer neuen Informations- oder Kunstform ist es nicht geworden. Statt dessen hat es sich an die Werbeleute verkaufen lassen, nicht anders, als wäre die Buchdruckerkunst erfunden worden, um, statt der Bibel und der großen Werke der Literatur, Reklamezettel zu drucken und uns Dinge anzupreisen, die wir nicht brauchen und nicht haben wollen.

Martin Grotjahn, in Deutschland geborener amerikanischer Psychoanalytiker in seinem Taschenbuch „Die Sprache des Symbols“ („Geist und Psyche“, Band 2182; Kindler Verlag, München, 1977; 270 Seiten, 11,80 DM).

Der RCDS geht betteln

Mit Bettelbriefen, die den Bürgern Angst und Schrecken einjagen sollen, geht der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) zur Zeit hausieren. Um die Spendenfreude der Adressaten anzustacheln, wird ein Schreckensgemälde bundesrepublikanischer Hochschulen entworfen. Für die christlich-demokratischen Studenten sind sie „Zentren des Linksradikalismus“, von denen aus „Schulen oder Rundfunkanstalten am leichtesten zu unterwandern“ sind. Der RCDS versucht, den mit Hochschulfragen nicht vertrauten Bürgern einzureden, er sei der wahre und einzige Bannerträger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Indirekt werden damit die Juso-Hochschulgruppen, mit 30 000 Mitgliedern mindestens sechsmal größer als der RCDS, und der Liberale Hochschulverband (LHV) den Linksradikalen zugeschlagen. Am Bettelstab geht der RCDS wahrlich nicht. 1976 erhielt er aus Steuergeldern mindestens 140 355 Mark. Davon aus dem Bundesjugendplan 75 000 für politische Bildung und 45 000 für internationale politische Begegnungen sowie aus dem Bundesbildungsministerium nochmals 20 355 Mark. 1975 kassierte er wesentlich mehr, hatte aber nach Informationen aus Bonn Schwierigkeiten nachzuweisen, wie die Gelder, verwendet wurden. Besonders gern gönnen sich die RCDS-Funktionäre Auslandsreisen. In diesem Jahr möchten sie nach Thailand jetten.

Kleist im Sozialismus

Mit großen Feierlichkeiten wird die DDR versuchen, Heinrich von Kleist, der am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren wurde, für die DDR und damit für den Sozialismus zu reklamieren. Vom 18. bis zum 23. Oktober findet in der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte mit Blick auf den Grenzfluß ein Internationales Colloquium statt über „Die literarische Romantik und ihre Rezeption in der sozialistischen Gesellschaft – unter besonderer Berücksichtigung von Heinrich von Kleist und E. T. A. Hoffmann“. Über zweihundert Teilnehmer aus mehr als dreißig Ländern werden in Frankfurt erwartet. Der Direktor des Kleist-Hauses, der Germanist und Theaterwissenschaftler Rudolf Loch, bringt zum Jubiläum eine umfangreiche, bebilderte Kleist-Biographie heraus (Reclam Verlag); als Festschrift des Rates der Stadt erscheint „Heinrich von Kleist – Leben, Werk, Wirkungsaspekte“ von Wolfgang Barthel. Neuinszenierungen und Lesungen am Kleist-Theater, Gastinszenierungen, die Uraufführung einer Vertonung der „Hymne an die Sonne“, Konzerte mit „literarischem Kleist-Programm“ und ein Colloquium des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR über Kleist-Aufführungen sind weitere Programmpunkte.

Dreitausend in drei Stunden

Wie beruhigend zu wissen, daß es der bildenden unter den Künsten immer öfter gelingt, aufzuregen und ihr Publikum auf die Beine zu bringen. Wahrscheinlich liegt das daran, daß sie viel mehr Bayreuths und Salzburgs hat, ohne es schön zu wissen. Interessant ist es auch, den Erfolg (oder das Aufsehen) an den Katalogen abzulesen. Von der 15. Europäischen Kunstausstellung in Berlin, auf der gleich an vier Plätzen die zwanziger Jahre ausgebreitet werden, wird gemeldet, daß die Druckmaschinen heißlaufen und nicht nachkommen: Die ersten dreitausend Exemplare des Katalogs, einer Pfunde schweren, zehn Zentimeter dicken kartonierten Schwarte zum (Buchhandels-) Preis von 36 Mark, waren in nur drei Stunden ausverkauft. Kein Zweifel, daß da ein neuer Superlativ heranwächst – nach schon so vielen anderen: „100 Jahre Kunst in Krems“: 700 Seiten; „The Age of Neo-Classicism“ in London: 1040 Seiten; „Die Zeit der Staufer“ in Stuttgart: vier Bände; „Jugendstil“ in Darmstadt: fünf Bände; „documenta 6“ in Kassel: bloß drei Bände, aber im Folioformat. Wirklich, die Kataloge sind so hervorragend geworden, daß sie fortan den Besuch der Ausstellungen überflüssig machen. Vielleicht sollte man für die, die trotzdem hingehen, einen handlichen Ausstellungsführer drucken?