Lautstarke Forderungen der Gewerkschaften, der öffentliche Dienst solle verstärkt als Arbeitgeber auftreten, stoßen bei Verkehrsminister Kurt Gscheidle offenbar auf taube Ohren. Einsparungen von 60 000 Arbeitsplätzen bis 1985 sind bei der Bundesbahn – so der SPD-Minister – unerläßlich, um den traditionellen Schuldenberg in Milliardenhöhe abbauen zu können. Nicht einmal auf einen Rationalisierungsstopp will Gscheidle sich einlassen, da die bundesdeutsche Eisenbahn mit „unproduktiven Arbeitsplätzen“ schon reichlich gesegnet sei.

Angesichts der steigenden Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt bleibt der deutsche Arbeitnehmer seinem Brötchengeber zunehmend treu. Die Bundesanstalt für Arbeit, in Nürnberg hat in einer Studie festgestellt, daß seit zwei, drei Jahren die sichere Arbeitsstelle einer besser bezahlten, aber noch unsicheren Position vorgezogen wird. Dies hat aber auch seine Kehrseite: Die Unternehmer stöhnen, daß es immer schwieriger wird, qualifizierte Kräfte nach altbewährtem Rezept von der Konkurrenz loszueisen. Dennoch, die Unternehmenstreue hat auch ihre Grenzen – die deutsche Streikabstinenz läßt nach. Wie aus einer Studie der Vereinigten Wirtschaftsdienste hervorgeht, gingen gegenüber 1975 im vergangenen Jahr sechsmal soviel – insgesamt mehr als 400 000 Tage durch Arbeitsniederlegungen verloren. Das Druckgewerbe war unter den Streikenden der absolute Spitzenreiter. Aber auch die Arbeitgeber wurden aktiv – erstmals seit 1971 waren Aussperrungen wieder an der Tagesordnung. Die Folge: Auf das Konto dieser Maßnahmen gingen mehr als 150 000 ausgefallene Arbeitstage.

Nach langer Zeit können sich die Abnehmer des deutschen Großhandels jetzt wieder einmal über sinkende Preise freuen. Der Großhandelsindex verringerte sich von Juni auf Juli um 1,1 Prozent und lag damit sogar um 0,3 Prozent niedriger als im gleichen Vorjahresmonat. 1973 waren die Großhandelspreise noch im Jahresdurchschnitt um 14,9 Prozent gestiegen. Auch von anderen Bereichen ist Erfreuliches zu berichten. Die industriellen Erzeugerpreise lagen im Juli dieses Jahres gegenüber dem Vorjahresmonat nur noch um 2,2 Prozent höher, im Juni hatte der Abstand noch 2,7 Prozent betragen. ms