Der Vorspann sollte wenigstens als Fußnote in die Film-Geschichte eingehen: James Bond erhebt sich vom alpinen Liebeslager, schnallt sich Skier und Rucksack um, rückt noch einmal die Welt zurecht ("Aber James, ich braudie Dich noch." – "England auch.") – und läuft vier blutrünstigen KGB-Killern von der Hochgebirgsabteilung vor die Maschinenpistolen. Von Willi Bogner brillant gefilmt, stürzen sie sich zu fünft in ein mörderisches Abfahrtsrennen. Einen legt Bond mit kugelspeiendem Skistock, den anderen per Bodycheck um; dann schüttelt er die beiden letzten ab, indem er geradwegs in den Abgrund springt. Schier endlos segelt er Hunderte von Metern talwärts – einem schönen, aber verfrühten Tod entgegen. Doch in letzter, Sekunde rettet das Vaterland seinen getreuesten Diener: Ein Fallschirm in den Farben des Union Jack bläht sich auf und trägt Bond beziehungsweise den großartigen Stuntman Rick Silvester sanft darnieder.

Kein Wunder, daß Roger Moore, der hier zum drittenmal den Agenten 007 verkörpert, gegenüber so viel technischer Brillanz nur abfallen kann. Moore bemüht sich redlich, seine schlaffen Schlafzimmer-Kalauer an die Frau zu bringen; seine Gegen-, dann Mitspielerin Barbara Bach (als KGB-Major Anya Amasova) mobilisiert all den Charme einer Kleiderpuppe, um ihm zu helfen, die Handlung von einem spektakulären Technogag zum anderen zu schleppen. Ihre Vorbildung als Mannequin kommt ihr dabei prächtig zustatten. Doch Handlung, Dialoge und Schauspielkunst sind in diesem 13-Millionen-Dollar-Film nebensächlich. Sie lenken eher ab von der Szenerie und dem Zubehör. Der eigentliche Star dieser Mammonshow ist nicht Moore oder Bach oder Curd Jürgens als Oberschurke, sondern der Designer Ken Adam, der im englischen Pinewood-Studio eine gigantomane Kulisse zusammengezimmert hat – darunter einen Riesentanker, der Atom-U-Boote verschluckt, und eine Art Unterwasser-Wolfsschanze, wo Jürgens an seinen privaten Welteroberungsplänen feilt.

Im Zeitalter der Entspannung sind die echten Finsterlinge rar geworden. Jürgens spielt den Magnaten Stromberg, der die Welt erneuern will, indem er sie – wie es sich gehört – erst einmal gründlich zerstört. Gegenüber solch hochkarätigen Scheusalen wie Rosa Klebb (Lotte Lenya) oder Ernest Stavro Blofeld (Donald Pleasance), die in früheren Bond-Filmen für die KGB-Killer-Brigade Smersch meuchelten, wirkt Jürgens wie Jedermann kurz vor dem Abgang. Ihm fehlt der Drive: wahrscheinlich hat er in seiner barocken Meeresbehausung zuviel Hummer gegessen. Dafür können dann Commander Bond und Major Anya die Ost-West-Eintracht im Cinemascope-Format zelebrieren.

Das Ganze wirkt wie ein hochtechnisiertes Kasperletheater, wie ein Comic-Strip für Bildschirm-Geschädigte. Manchmal sucht man unwillkürlich nach Sprechblasen. Kugeln und Raketen fliegen wie Cremetorten durch die Kulissen, ein besonders gelungenes Gemetzel wird im Zuschauerraum mit Lachen und Beifall quittiert. Richard Kiel – ein 2,20 Meter großes Monstrum mit Stahlzähnen, der unter dem Namen "Beißer" Morddienste für Stromberg verrichtet – ist nicht von ungefähr der Held der Zwei-Stunden-Spielzeugparade. Bond flambiert ihm das verchromte Gebiß mit 220 Volt, stößt ihn aus einem fahrenden Zug, begräbt ihn unter Tonnen von Häuserschutt und tunkt ihn schließlich in Strombergs Haifischtank. Wie eine Zeichentrickfilmfigur überlebt "Beißer" alles – mit einem glitzernden Grinsen im Gesicht. Er ist die einzig authentische Gestalt in diesem Film: Er macht seine Arbeit und sagt kein einziges Wort. Josef Joffe