Ein Hofnarr der Revolution – Seite 1

Von Fritz J. Raddatz

Scharlatan oder möglicher Nachfolger Lenins, Agent des Oberrabbiners von Konstantinopel oder Zyniker mit tränenden Augen – wer war Karl Radek, eine der schillerndsten, zwielichtigsten und gleichzeitig faszinierendsten Gestalten der Weltrevolution?

Wer war Karl Bernardowitsch Sobelsohn, der sich angeblich nach einer Diebstahlsaffäre selbstironisch Karl Radek getauft habe, weil Kradek im Polnischen „Dieb“ heißt, der aber in Wahrheit, lange vor dieser Diebstahlsgeschichte, schon im Jahr 1904 unter diesem Pseudonym publizierte? Trotzki nannte ihn „einem Affen und nichts anderem ähnlich“, Stalin einen „verächtlichen Sklaven“, Rosa Luxemburg zählte ihn zum Typus „Dirne“ und Lenin nannte ihn „Krämer, unverschämt, frech und dumm“; selbst die spätere Äußerung Lenins, „er ist uns nützlich“, klingt nicht wie ein Kompliment.

In der Sowjetunion und ihrer Geschichtsschreibung wird der Name des Mannes, der zu den Hauptangeklagten der Stalinschen Prozesse gehörte, noch heute unterschlagen. In Deutschland, wo Radek lange Zeit politisch tätig war, gab es seit Jahrzehnten kaum Material über ihn. Hier versuchen nun zwei gleichzeitig erschienene Bücher Abhilfe zu schaffen –

Dietrich Möller: „Karl Radek in Deutschland. Revolutionär, Intrigant, Diplomat“; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1976; 303 S., 29,50 DM.

Jochen Steffen, Adalbert Wiemers: „Auf zum letzten Verhör“; C. Bertelsmann Verlag, München 1977; 369 S., 34 DM.

Allerdings muß man diese beiden Publikationen fast wie ein Puzzlespiel benutzen, um ein einigermaßen klares Bild sowohl der politischen Konstellation als auch des sonderbaren Räderwerks zu erhalten, das Radek gleichzeitig antrieb und das ihn vernichtete. Keines der beiden Bücher allein gäbe zuverlässige Auskunft – Und beide haben seltsame Defekte.

Ein Hofnarr der Revolution – Seite 2

Die Veröffentlichung des Verlags Wissenschaft und Politik geht bereits in ihrer Präsentation über den Rahmen des zulässigen hinaus: Sie gibt sich als Buch eines Autors Dietrich Möller (von dem man an keiner Stelle dieses Bandes erfährt, wer er sein mag) und ist in Wahrheit eine Anthologie ausgewählter Schriften von Radek. Zu den rund 300 Seiten des Bandes hat Dietrich Möller gerade 50 Seiten eigenen Textes beigetragen, eine Einleitung. So rasch avanciert man also in Wissenschaft und Politik zu Köln zum Autor.

Das Bertelsmann-Buch wiederum ist eine auf andere Weise zerfahrene Veröffentlichung. Dem biographisch-politisch informativen ersten Teil von Adalbert Wiemers folgt eine Art Schulfunkversuch von Jochen Steffen: ein fiktiver Dialog Radeks mit seinen Anklägern. Das ist nach der unvergeßlich grandiosen Literarisierung dieses Themas durch Arthur Koestler und Maurice Merleau-Pontys furioser Studie „Humanismus und Terror“ (Verlag Syndikat, Frankfurt 1976; 240 S., 14,– DM) ein gewagtes Unternehmen. Mag sein, daß das einem begabten Dramatiker gelungen wäre, einem Kipphardt, Weiss oder Hochhuth, die immerhin historische Wahrheiten mit fiktiven Möglichkeiten zu mengen verstanden. Ein solcher Autor ist Jochen Steffen mit Sicherheit nicht. So gerät das 250 Seiten lange Szenarium zu einer quälenden Lektüre, die sich von Unwahrscheinlichkeit zu Besserwisserei, von unglaubwürdiger Zitatencollage zu historischem Korrekturversuch hangelt. Steffens Versuch, Erkenntnisse oder Diskussionspartikel der augenblicklichen aktuellen politischen Situation in die damalige hineinzumontieren, scheitert vollkommen – sie verschwemmt das Damalige und verkleistert das Jetzige.

Man hält sich dann schon besser an die beiden Einleitungsaufsätze, die wenigstens in Umrissen diesen sonderbaren Mann kenntlich machen, wenn auch nicht ganz erklären.

Der 1885 im polnisch-galizischen Lemberg jüdisch geborene österreichisch-ungarische Staatsbürger ist in der Tat ein Stück verkörperter Parteigeschichte. Er stieß schon früh in der Schweizer Emigration zu Lenin, nannte sich wohl gern dessen Kampfgefährte, obwohl Lenin ihn in dem berühmten plombierten Eisenbahnwaggon, der durch einen Kreidestrich auf dem Gang die Hoheitsgrenze markierte und von dem sich die deutsche Generalität bewährt töricht eine Art Injektion des Zusammenbruchs versprach, zwar mitnahm, aber keineswegs mit nach Rußland, sondern ihn in Stockholm gleichsam deponierte.

Erst nach der Revolution, als es für Lenin wichtig war, vielsprachige, wendige und mit Auslandskontakten gut versehene Interpreten seiner Politik um sich zu scharen, berief er ihn nach Moskau in hohe Funktionen. In der von Paul Levi herausgegebenen Zeitschrift „Unser Weg“ wurde Radeks Bedeutung für das deutsch-sowjetische Verhältnis 1922 so charakterisiert: „Für uns war jedoch die wichtigste Entdeckung, daß dieser professionelle Revolutionär, dieser überzeugende Internationalist eine große Schwäche hatte: Deutschland. Der polnische Jude aus dem österreichischen Galizien fühlte sich durch engste kulturelle Bande an Deutschland gefesselt und sprach Deutsch besser als jede andere fremde Sprache.“ Die Entsendung Radeks stieß bei den Deutschen keineswegs auf Begeisterung. Levi mußte vielmehr intervenieren, um dem Abgesandten Lenins „wenigstens einen korrekten Empfang zu ermöglichen“. Die von Beginn an gegen sowjetische Interventionen empfindliche Rosa Luxemburg wehrte sich sofort: „Wir brauchen keinen ‚Kommissar für Bolschewismus‘, die Bolschewiki mögen mit ihrer Taktik zu Hause bleiben.“

„Faust“ im Gepäck

Uneinigkeit über politische Strategie und Taktik prägte ja von Anfang an die Beziehungen zwischen der Moskauer und der Berliner Parteiführung. Oft geriet diese Uneinigkeit zur Farce, die allerdings meist ausgetragen werden mußte von den deutschen kommunistischen Arbeitern, gelegentlich auch von einigen ihrer Führer. Der Beschluß etwa, in .Hamburg einen Generalstreik zu organisieren, wurde so sinnlos wie hastig gefaßt, daß man den Organisator Radek nicht einmal mehr erreichen konnte, als man den Beschluß revidierte. Das jämmerliche Ende dieses Hamburger Aufstands ist bekannt, und Radek mußte ins Gefängnis.

Ein Hofnarr der Revolution – Seite 3

Bei der Verhaftung am 12. Februar 1919 zog er, zum baren Entsetzen der durchsuchenden Offiziere, keine Bombe, sondern eine Dünndruckausgabe des „Faust“ aus dem Gepäck. Der Liebhaber Kleists Grillparzers und Heines, der noch später seinen Genossen empfahl, es sei wichtiger, Ernst Jünger für die KPD zu gewinnen als viele neue Wählerstimmen, hielt alsbald, von Lenin zum Diplomaten ernannt, im Gefängnis Moabit eine Art Salon, in dem er von den wichtigsten deutschen Wirtschaftsführern bis zu Rathenau die Elite aus Politik, Publizistik, Militär und Industrie empfing.

Während Lenin ihn aus Schutzgründen zum Diplomaten ernannt hatte, ernannte Radek sich in einem Brief an den Reichsaußenminister Müller selber zum „Führer des Weltkommunismus“. Rathenau sah das offenbar anders, wenn er Radek „zweifellos klug und witzig, aber einen schmierigen Kerl und echten Typus eines gemeinen Judenjungen“ nannte, während Radek umgekehrt seinem Gesprächspartner zwar „bedeutende Eigenschaften“ zubilligte, aber auch „krankhafte Eigenliebe“ bescheinigte. Dietrich Möller schreibt in seiner Einleitung als Kommentar zu Radeks Empörung über Rathenaus endlose Monologe: „Da saßen sich zwei Männer gegenüber, die beide gern sprachen, und mußten einander zuhören.“

In Ungnade

Immerhin: In dieser Moabiter Zelle wurde der Vertrag von Rapallo gezimmert, und Radek wurde alsbald nach seiner Freilassung einer der intelligentesten Interpreten der deutschen Politik, der noch 1932 zu Ernst Niekisch sagte, die Sowjetunion werde sich notfalls auch mit einem Hitler-Deutschland vertragen; allerdings hielt er Hitler für „politisch viel zu dumm“, als daß er die Chance ermessen könne, was aus einer deutsch-russischen Zusammenarbeit entstehen könnte.

Diese wie viele Analysen Radeks war nur allzu richtig. Gerade weil er ein scharfer Analytiker war – zahllose bissige und selbstironische Bemerkungen werden ihm zugeschrieben; „ich habe eine Lebensstellung: warten auf die Weltrevolution –, mußte er von Anfang an mit Stalin kollidieren. Von dem Moment an, in dem Lenin, durch seinen Gehirnschlag gelähmt, die Führung an den von ihm verachteten und gehaßten Stalin abgeben mußte, fiel Radek in Ungnade und wurde bald Stück für Stück aller seiner Ämter entkleidet.

Ab Sommer 1925 wurde er zum Leiter der Sun-Yatsen-Universität in Moskau ernannt, in Wahrheit nicht mehr als eine Kaderschule für ostasiatische Kommunisten, an der auch seine von ihm leidenschaftlich geliebte Freundin Larissa Reissner unterrichtete. Sein scharfer Witz scheint ihn selbst zu Beginn dieser Demontage nicht verlassen zu haben, wie man einer Erinnerung von Erich Wollenberg entnehmen kann: „Radek diskutierte mit einer Gruppe Studenten. Stalin kommt vorbei und fragt, ob Radek mal wieder die neuesten Anekdoten über ihn verbreite. Radek: ‚Nein, wir reden gerade über die neue Machtverteilung nach der Machtübernahme.‘ Stalin: ‚Und ich komme wohl ins Gefängnis?‘ Radek: ‚Nein, wir haben beschlossen, eine jüdische Universität zu gründen, und du wirst Rektor dort.‘ Alles lacht, nur der stotternde Molotow sagt: ‚Aber der Genosse Stalin ist doch kein Jude.‘ Radek: ‚Bin ich Chinese?‘“

Diese Fähigkeit allerdings, die man dialektisch nennen kann, aber auch zynisch, konnte im Machtkampf der Stalin-Ära nicht lange hilfreich sein. Anfänglich energischer Verteidiger Trotzkis und von dessen These der permanenten und weltweiten Revolution, versuchte er zu spät, auf die Stalinsche Linie der möglichen Revolution in einem Land einzuschwenken (eine These, die die radikale Abkehr Stalins vom Leninschen Gedankengut ankündigte). Radek wurde verbannt, verhaftet und landete schließlich vor jenem historischen Tribunal, das der töricht-gutgläubige Lion Feuchtwanger seinerzeit noch als fairen Prozeß charakterisierte.

Ein Hofnarr der Revolution – Seite 4

Vorangegangen war nach allen Unterlagen, die man kennt, ein Pakt mit dem Teufel, will sagen: Stalin. Unklar ist bis zur Stunde, wer mit wem zuerst Kontakt aufnahm; zweifelsfrei aber ist, daß während seiner Haft Radek ein Gespräch mit Stalin führte, das ihn endgültig zum Verräter werden ließ – unter der Quasi-Überschrift „Verrat an Menschen, nicht Verrat an der Sache der Revolution“. Dies heißt im Klartext, daß Radek reihenweise Genossen belastete und denunzierte, eine Geheimkorrespondenz mit Trotzki zugab, die bezeichnenderweise niemals in das Beweismaterial aufgenommen wurde (weil offenbar inexistent). Der „Revolutionär, Intrigant, Diplomat“ war nun wirklich zum „Hofnarren der Revolution“ geworden. Zum Genossen, der sich und alle anderen opferte der Idee zuliebe und der falsch Zeugnis redete, um den vermeintlichen Reinigungsprozeß der Partei als historische Notwendigkeit mit voranzutreiben.

Wegen Trotzkis „schöner Augen“

Karl Radek trieb das selbstironische Spiel mit dem Gemetzel so weit, daß er gelegentlich mit beißendem Hohn aus dem Narrenkleid schlüpfte, seine Rolle verließ und den Hauptankläger Wyschinski perfide aufs Glatteis lockte. Nach dem Realitätswert der angeblich verbrannten Briefe und Direktiven des exilierten Trotzki befragt, gab er zwinkernd zu verstehen, daß alle seine Aussagen Unsinn sein müßten: „Ja, wenn man die Tatsache außer acht läßt, daß Sie über Programm und Instruktionen Trotzkis nur durch mich erfuhren, dann ist das von mir Gesagte natürlich in Zweifel gestellt.“ Und seine Antwort auf Wyschinskis Frage nach Trotzkis Programm war der schiere Hohn: „Einfach, mir nichts dir nichts, um der schönen Augen Trotzkis willen sollte das Land zum Kapitalismus zurückkehren.“

Radeks spektakuläre Selbstkritik und sein Hineinziehen des Marschalls Tuchatschewski wurden immer wieder mit gespenstischer Eleganz durchlöchert durch zerstörerische Pirouetten. „Sie lesen zu tief in der menschlichen Seele“, sagte er etwa zu Wyschinski, um ihn wohl an die eigene Rolle innerhalb des Szenariums zu erinnern, „doch dennoch muß ich meine Gedanken mit eigenen Worten kommentieren.“ Führt man sich das Schicksal dieses Revolutionärs, die Bestialität dieses Lebenslaufs vor Augen, dann muß man an jenen Satz Lenins denken, den er am 9. April 1917 zu Radek sagte, als die 31 russischen Emigranten in Zürich den Zug bestiegen: „Wir werden Minister oder wir werden gehenkt.“ Minister wurde Radek nie und gehenkt wurde er auch nicht. Das Urteil lautete auf zehn Jahre Haft, und noch heute weiß niemand genau, wann und wo er endete; ein Krimineller soll ihn in einem arktischen Arbeitslager im Jahre 1939 ermordet haben.

Sein letzter Auftritt, Abgang von der widerwärtigen Prozeßbühne, zeigt dieselbe diffuse Moralität wie Intellektualität, die über seinem Leben lag und die das Charisma der ganzen Revolution war: „Grüßend hob er die Hand, zuckte ein ganz klein wenig mit den Achseln, winkte den anderen zu, den zum Tode Verurteilten, seinen Freunden, und lächelte. Ja, er lächelte.“