Manche Momente bleiben im Gedächtnis haften: die brillante Eröffnungs-Sequenz mit einer turbulenten Siegesfeier in einem überfüllten New Yorker Ballsaal am „V-J Day“ 1945; die kurze Einstellung eines einsamen Saxophon-Spielers, nachts, im Lichtkegel einer Straßenlaterne; ein kleiner traumverlorener Pas de deux am Rande des großen Sieges; eine nervöse Slapstick-Nummer in einer Hotelhalle; und, selten, das rote Höllenlicht, das wir aus „Mean Streets“ und „Taxi Driver“ kennen. Und immer wieder Robert De Niro, der in „New York, New York“ zum drittenmal unter der Regie seines Freundes Martin Scorsese spielt, hier den Jazz-Musiker Jimmy Doyle, der in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg eine stürmische Beziehung zu einer Sängerin erlebt und die Entwicklung vom Big-Band-Sound eines Tommy Dorsey zum aggressiven neuen Bebop-Stil vollzieht. De Niro, der aufregendste unter den neuen Stars von Hollywood, spielt diesen Saxophonisten mit einem vitalen Elan, der unkontrollierte Temperamentsausbrüche ebenso einschließt wie die Verletzlichkeit eines unsicheren „macho“. Seine Partnerin Liza Minnelli wirkt dagegen outriert bis zur Unerträglichkeit.

Ein schwarzes Musical hat Martin Scorsese „New York, New York“ genannt: einerseits eine opulente Hommage an das Genre von „Singin’ in the Rain“ in seiner ganzen überlebensgroßen Künstlichkeit, andererseits das bedrängend realistische Porträt einer Lebens- und Ehekrise. Doch die Synthese dieser Elemente ist Scorsese nicht ganz geglückt: zumal im letzten Drittel entwickelt sich der Film zu einer klischeereich schmachtenden Show-Business-Tragödie.

Hans C. Blumenberg