Neue Rätsel an der Wiege europäischer Kulturen

Von Gerhard Prause

Archanes

Immer schon stand die aus Steinen geschichtete Hütte auf dem Hügel Phourni, deutlich sichtbar von der Straße, die von Heraklion an Knossos vorbei nach Archanes führt. Immer schon hatten die Bauern von Archanes, die hier ihre Oliven und ihren Wein anbauen, den berühmten Raki und Kretas süße, rote Trauben, den seltsamen Rundbau als Unterschlupf benutzt. Eine Zeitlang hatte sogar der griechische Archäologe Professor Dr. Johannes A. Sakellarakis, heute Direktor am Nationalmuseum von Athen und Gastprofessor an der Universität Hamburg, in dem Steinbau gehaust, vor nunmehr gut einem Dutzend Jahren, als er anfing, den Phourni systematisch zu erforschen, weil ihm der Hügel auf Grund der Umgebung archäologisch verdächtig schien.

Nur zehn Kilometer liegt er von Knossos entfernt, und in unmittelbarer Nähe, auf dem Berge Iouktas, hatte Sir Arthur Evans, der Ausgräber und Restaurator von Knossos, ein minoisches Bergheiligtum entdeckt. Dort ist Zeus begraben, sagt man noch heute in Archanes, und der Berg selbst scheint diese Behauptung, die den Kretern den Ruf einbrachte, samt und sonders Lügner zu sein (denn war nicht Zeus unsterblich?), zu bestätigen: vom Meer her gleicht der Iouktas einer menschlichen oder vielmehr göttlichen Gestalt.

Das Grab einer Königin

Von seinem Gipfel kann man bei klarem Wetter weit über die Ägäis sehen, bis hin nach der Insel Thera mit dem Santorin, wo der vor einigen Jahren von einer einstürzenden Mauer erschlagene Archäologe Spyridon Marinatos auf Grund seiner höchst beachtlichen Funde das eigentliche Zentrum der minoischen Kultur vermutete, das vor 3500 Jahren infolge des Santorinausbruchs teils unter gewaltigen Aschenmassen begraben wurde, teils im Meer versank und das vielleicht, wie manche meinen, das von Platon beschriebene Atlantis war.

Nicht nur die Nähe des heiligen Iouktas, mehr noch eine ebenfalls schon von Evans freigelegte Rundquelle sowie einige kleinere, aber überaus erfolgreiche Grabungen von Marinatos und Nicolas Platon in Archanes selbst führten zu der Vermutung, daß das heute von etwa 5000 Menschen bewohnte Archanes in der minoischen Kultur eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Als Johannes Sakellarakis dies prüfen wollte, führte ihn jene steinerne Hütte auf dem Phourni, in deren Innern ihm die aus konzentrischen Steinkreisen bestehende Konstruktion auffiel, mitten hinein in eine wahrhaft sensationelle Entdeckung, nämlich in eine minoische Nekropole, eine – so Sakellarakis selbst – „aus vielen Gründen einmalige und die zweifellos bedeutendste bisher bekannte Nekropole der Ägäis“.

Sakellarakis und seine Frau, die Archäologin Dr. Eva Sakellarakis, gruben innerhalb der Hütte mehrere Meter tief, bis hinunter auf den natürlichen Felsen. Ergebnis: die Hütte war in Wahrheit ein Kuppelgrab, in der Form ganz ähnlich dem berühmten „Schatzhaus“ des mykenischen Königs Atreus, dem größten der bei Mykenä gefundenen Königsgräber, nur kleiner. Es barg erstaunliche Schätze. Dort, wo der ursprüngliche Zugang gewesen war, wurde auch außen an der 1,70 Meter starken Mauer hinuntergegraben, so daß man die Grabstätte heute wieder so betreten kann, wie es die Menschen vor etwa 3400 Jahren taten, in der Zeit „spätminoisch III a“, in die Sakellarakis das Grab auf Grund der Funde datiert; es war die Zeit, als – was die mit Linear B beschriebenen und entzifferten Täfelchen aus den Archiven von Knossos ausweisen – auf Kreta schon die Achäer, also die Griechen, herrschten.

Die Tholos dieses Grabes, der gut fünf Meter hohe Rundbau mit seinem Durchmesser von 4,31 Metern, ist irgendwann – wie nahezu alle mykenischen Kuppelgräber – ausgeraubt worden. Die Räuber waren jedoch nicht in die vermauerte Seitenkammer eingebrochen. Und in diesem nur 3,67 Quadratmeter großen Raum fanden die Archäologen die erste unversehrte königliche Bestattung Kretas. Daß hier eine Königin beigesetzt worden war, zeigt der Reichtum der Grabbeigaben, die jetzt im Museum von Heraklion ausgestellt sind.

In der Larnax, dem truhenförmigen Sarkophag, zum Teil auch daneben und darunter, wurden insgesamt 402 Gegenstände gefunden. Die meisten sind Perlen von Halsketten oder vom Gewand, aus Gold, Sard, Bergkristall, Steatit, Fayance, Glaspaste, zwei aus Eisen. Der Toten waren auch mehrere Siegelringe und andere Ringe mit ins Grab gegeben worden, dann eine Reihe von Bronze-, Ton- und Steingefäßen, ein Dreifuß, eine Lampe, ein Spiegel, ein Fußschemel, eine Haarspirale, zwei kleine goldene Kästchen und noch einige kleine Dinge aus Elfenbein, dazu eine Halskette aus Muscheln, eine andere aus Spiralen, ein Fayance-Gefäß und eine Agraffe aus Glaspaste.

Vermutlich hatte die Frau ein kultisches Amt inne, etwa, meint Sakellarakis, das einer Priester-Königin. Dafür sprechen zwei besonders interessante Funde, nämlich das Skelett eines zu Ehren der Verstorbenen geopferten und dann zerlegten Pferdes und der Kopf eines Stieres. Heute weiß man, daß das Opfer des in minoischer Zeit heiligen Stieres, der im Leben und in den religiösen Vorstellungen der Minoer eine so hervorragende Rolle spielte, nicht nur Gottheiten, sondern auch vergöttlichten Personen, also Priester-Königen und den Mitgliedern der königlichen Familie dargebracht wurde.

Das „Kuppelgrab A von Archanes“, wie es in der Fachliteratur heißt, ist auf dem Hügel Phourni nur eine Bestattung von Hunderten, die sich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrtausend (2500 bis 1250 v. Chr.) und über ein Gebiet von einem halben Hektar erstrecken. Inzwischen wurde dort eine ganze Nekropole freigelegt, wie bereits gesagt, die bedeutendste in der Ägäis. Es fanden sich noch drei weitere Kuppelgräber und fünfzehn verschiedene Grabgebäude die manchmal bis zu drei Meter Höhe erhalten sind, mit Tausenden von Funden: Keramik vor allem und natürlich viele Skelette, die für anthropologische Untersuchungen wichtig sind, Sarkophage in verschiedensten Formen, als Larnakes und Pithoi mit verschiedenartigen Griffen, plastischen Verzierungen und gemaltem Dekor, dann die vielen Beigaben wie zum Beispiel Idole aus Marmor, Steatit und Elfenbein, Schmuck, Gefäße, Waffen, Stierstatuetten, sehr viele Siegel.

Einige dieser etwa 150 Siegel sind die ältesten Belege für das Vorhandensein einer Schrift auf Kreta, und zwar für eine Hieroglyphenschrift. Auch einige Sarkophage zeigen Inschriften-, die bisher einzigen auf Kreta bekannten. Es ist die sogenannte Linear-A-Schrift, die noch immer nicht entziffert werden konnte.

Jetzt, als ich die Nekropole besuchte, legten Sakellarakis und seine Mitarbeiter (darunter zwei Architekten und eine Reihe von Studenten) gerade ein Gebäude frei, das Teile von Säulen, große Platten über unteren Räumen, Spuren einer Weberei, Pithoi mit Resten von Nahrungsmitteln und sehr viele kleine Tongefäße und Scherben hergab, aber, obwohl es inmitten der Grabhäuser liegt, keine Knochen, keine Zähne, wie sie überall in den anderen Gebäuden gefunden wurden. Und während vorsichtig Zentimeter um Zentimeter tiefer gekratzt wird, wobei alle Funde, selbst kleinste Scherben, mit größter Sorgfalt gesammelt oder gar in Zeichnungen, Beschreibungen, Photos gleich an Ort und Stelle registriert, ihre genaue Lage, ihr Zustand im Grabungstagebuch festgehalten werden – das Wort Grabung scheint bei diesem vorsichtigen Herauskratzen, Fegen, Pinseln gar nicht am Platz –, deutet Sakellarakis an, daß dieses Gebäude möglicherweise eine Einrichtung für die Versorgung der Toten, also für den Totenkult, gewesen sein könnte. So etwas ist bekannt aus Ägypten, für Kreta wäre dies bisher einmalig.

Auf Zusammenhänge zwischen den Minoern und den Ägyptern weisen auch die Skarabäen hin, die hier gefunden werden. Und andererseits kann Sakellarakis an Hand einiger von ihm gefundener Idole einen engen Zusammenhang mit den Bewohnern der Kykladen nachweisen. Auf jeden Fall hatten die Minoer Handelsverbindungen mit anderen Völkern, auch mit den festländischen Griechen.

Aber wenn man schon dies und vieles andere über die Minoer und ihre einzigartige Hochkultur weiß – durch diese Ausgrabung zum Beispiel fast alles über ihre Bestattungen –, ist doch das meiste noch immer rätselhaft. Vor allem die Paläste, von denen Knossos der bekannteste und größte ist, werfen eine Reihe von Problemen auf. „Auf welche Weise“, fragt Nicolas Platon nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit auf Kreta, „waren durch die Minoer die Fragen der Anpassung an die Umgebung, der monumentalen Gestaltung der Räume, der Bequemlichkeit für die vielfältigen praktischen Bedürfnisse des Palastlebens, der künstlerischen Erscheinung des Ganzen oder des Verkehrs im Inneren der Gebäude mit den unentwirrbaren Gängen, Stockwerken und Sälen gelöst worden? Wie war man dazu gekommen, einen so komplizierten Grundriß zu entwerfen? Wie konnten diese Paläste, die Zentren der politischen Befehlsgewalt und Wohnstätten der Fürsten und ihres Hofes waren, zur gleichen Zeit ihrer Wesensbestimmung entsprechen – Tempel der Gottheit zu sein? Wie war man dazu gekommen, die verschiedenen Probleme der Beleuchtung, der Wasserversorgung, der Kanalisation, der sanitären Einrichtungen zu lösen? ... Die Forschung hat unwiderlegbar festgestellt, daß die Paläste die Mittelpunkte waren, um die herum sich das soziale, politische, wirtschaftliche und religiöse Leben entwickelte.“

Verborgen unter einem Dorf

Aber wie es sich abspielte, das Leben, wie sie lebten, die Minoer, das ist völlig unklar. „Wir wissen nichts oder doch nur sehr wenig“, sagt Johannes Sakellarakis über die minoische Kultur, die – und nur darin sind sich die Experten einig – die Wiege der europäischen Kulturen darstellt. Aber es ist nicht Resignation, was ihn dies sagen läßt, eher eine versteckte Kritik an so vielen voreiligen Deutungen, an schlecht fundierten Interpretationen über das angeblich immer nur heitere Leben der Minoer.

Zu Resignation besteht für ihn kein Anlaß. Im Gegenteil: Die Reihe seiner so erfolgreichen Grabungen ist noch keineswegs zu Ende, ja, die eigentliche Sensation steht noch bevor, und Sakellarakis arbeitet mit bewundernswerter Geduld auf sie hin. Es geht um die Ausgrabung eines vermutlich sehr großen Palastes, des sechsten auf Kreta (nach den Palästen von Knossos, Phaistos, Hagia Triada, Malia und Zakros), der nur wenig kleiner als Knossos sein dürfte und damit der zweitgrößte Palast der minoischen Kultur wäre. Aber die Ausgrabung war bisher nicht möglich. Denn die ganze gewaltige Anlage ist überbaut: der Palast, der vielleicht mehr Aufschluß geben könnte über die noch offenen Fragen als die bisher freigelegten, weil er möglicherweise besser erhalten ist, liegt unter Archanes.

An fünf verschiedenen, weit auseinanderliegenden Stellen im Ort sind seine Uberreste sichtbar, zum Teil sogar schon freigelegt. Schon da handelt es sich um bedeutende Funde. Die sehr gut gebauten Mauern, aus riesigen, sorgfältig behauenen Blöcken, die Größe dieser Blöcke, die Zeichen der Steinmetzen, vor allem die gleiche Ausrichtung der Mauern (die von den Grundrissen der anderen Paläste bekannt ist), ein großer Opferaltar mit Stierhörnern, Teile einer Straße, nicht zuletzt die bereits erwähnte, Von Evans entdeckte Rundquelle (die ebenfalls in anderen Palästen vorkommt) lassen darauf schließen, daß unter Archanes eine königliche Palastanlage liegt. Wahrscheinlich gehörte zu diesem Palast die Nekropole auf dem Phourni. Denn von der Nekropole führt ein vor Jahrtausenden angelegter Weg in die Richtung auf das heutige Archanes.

Um den ganzen Palast freizulegen, müßte Sakellarakis gut hundert Häuser und Grundstücke kaufen. Einige hat er im Auftrag der „Archäologischen Gesellschaft von Athen“ bereits erworben. Zum Glück mögen die Archaner ihn, sehr sogar. Das hat zwar den Nachteil, daß er für Wege durch ihren Ort unendlich viel Zeit braucht, weil er in jedes dritte Haus hineingebeten wird und einen, nein mindestens zwei Ouzo trinken und dazu Brot mit Gurken, Tomaten oder Oliven essen muß, aber es hilft seinem Projekt, an dem die Archaner höchst interessiert sind. Und wenn es auch an Geld fehlt, meint er doch, vielleicht schon in absehbarer Zeit mit der Grabung beginnen zu können, und zwar zunächst im vermuteten Zentrum der Anlage, wo der Boden bereits gekauft werden konnte.