Nicht nur die Nähe des heiligen Iouktas, mehr noch eine ebenfalls schon von Evans freigelegte Rundquelle sowie einige kleinere, aber überaus erfolgreiche Grabungen von Marinatos und Nicolas Platon in Archanes selbst führten zu der Vermutung, daß das heute von etwa 5000 Menschen bewohnte Archanes in der minoischen Kultur eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Als Johannes Sakellarakis dies prüfen wollte, führte ihn jene steinerne Hütte auf dem Phourni, in deren Innern ihm die aus konzentrischen Steinkreisen bestehende Konstruktion auffiel, mitten hinein in eine wahrhaft sensationelle Entdeckung, nämlich in eine minoische Nekropole, eine – so Sakellarakis selbst – „aus vielen Gründen einmalige und die zweifellos bedeutendste bisher bekannte Nekropole der Ägäis“.

Sakellarakis und seine Frau, die Archäologin Dr. Eva Sakellarakis, gruben innerhalb der Hütte mehrere Meter tief, bis hinunter auf den natürlichen Felsen. Ergebnis: die Hütte war in Wahrheit ein Kuppelgrab, in der Form ganz ähnlich dem berühmten „Schatzhaus“ des mykenischen Königs Atreus, dem größten der bei Mykenä gefundenen Königsgräber, nur kleiner. Es barg erstaunliche Schätze. Dort, wo der ursprüngliche Zugang gewesen war, wurde auch außen an der 1,70 Meter starken Mauer hinuntergegraben, so daß man die Grabstätte heute wieder so betreten kann, wie es die Menschen vor etwa 3400 Jahren taten, in der Zeit „spätminoisch III a“, in die Sakellarakis das Grab auf Grund der Funde datiert; es war die Zeit, als – was die mit Linear B beschriebenen und entzifferten Täfelchen aus den Archiven von Knossos ausweisen – auf Kreta schon die Achäer, also die Griechen, herrschten.

Die Tholos dieses Grabes, der gut fünf Meter hohe Rundbau mit seinem Durchmesser von 4,31 Metern, ist irgendwann – wie nahezu alle mykenischen Kuppelgräber – ausgeraubt worden. Die Räuber waren jedoch nicht in die vermauerte Seitenkammer eingebrochen. Und in diesem nur 3,67 Quadratmeter großen Raum fanden die Archäologen die erste unversehrte königliche Bestattung Kretas. Daß hier eine Königin beigesetzt worden war, zeigt der Reichtum der Grabbeigaben, die jetzt im Museum von Heraklion ausgestellt sind.

In der Larnax, dem truhenförmigen Sarkophag, zum Teil auch daneben und darunter, wurden insgesamt 402 Gegenstände gefunden. Die meisten sind Perlen von Halsketten oder vom Gewand, aus Gold, Sard, Bergkristall, Steatit, Fayance, Glaspaste, zwei aus Eisen. Der Toten waren auch mehrere Siegelringe und andere Ringe mit ins Grab gegeben worden, dann eine Reihe von Bronze-, Ton- und Steingefäßen, ein Dreifuß, eine Lampe, ein Spiegel, ein Fußschemel, eine Haarspirale, zwei kleine goldene Kästchen und noch einige kleine Dinge aus Elfenbein, dazu eine Halskette aus Muscheln, eine andere aus Spiralen, ein Fayance-Gefäß und eine Agraffe aus Glaspaste.

Vermutlich hatte die Frau ein kultisches Amt inne, etwa, meint Sakellarakis, das einer Priester-Königin. Dafür sprechen zwei besonders interessante Funde, nämlich das Skelett eines zu Ehren der Verstorbenen geopferten und dann zerlegten Pferdes und der Kopf eines Stieres. Heute weiß man, daß das Opfer des in minoischer Zeit heiligen Stieres, der im Leben und in den religiösen Vorstellungen der Minoer eine so hervorragende Rolle spielte, nicht nur Gottheiten, sondern auch vergöttlichten Personen, also Priester-Königen und den Mitgliedern der königlichen Familie dargebracht wurde.

Das „Kuppelgrab A von Archanes“, wie es in der Fachliteratur heißt, ist auf dem Hügel Phourni nur eine Bestattung von Hunderten, die sich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrtausend (2500 bis 1250 v. Chr.) und über ein Gebiet von einem halben Hektar erstrecken. Inzwischen wurde dort eine ganze Nekropole freigelegt, wie bereits gesagt, die bedeutendste in der Ägäis. Es fanden sich noch drei weitere Kuppelgräber und fünfzehn verschiedene Grabgebäude die manchmal bis zu drei Meter Höhe erhalten sind, mit Tausenden von Funden: Keramik vor allem und natürlich viele Skelette, die für anthropologische Untersuchungen wichtig sind, Sarkophage in verschiedensten Formen, als Larnakes und Pithoi mit verschiedenartigen Griffen, plastischen Verzierungen und gemaltem Dekor, dann die vielen Beigaben wie zum Beispiel Idole aus Marmor, Steatit und Elfenbein, Schmuck, Gefäße, Waffen, Stierstatuetten, sehr viele Siegel.

Einige dieser etwa 150 Siegel sind die ältesten Belege für das Vorhandensein einer Schrift auf Kreta, und zwar für eine Hieroglyphenschrift. Auch einige Sarkophage zeigen Inschriften-, die bisher einzigen auf Kreta bekannten. Es ist die sogenannte Linear-A-Schrift, die noch immer nicht entziffert werden konnte.