Von Harry Pross

Literaturgeschichte als Verlagsgeschichte verstanden, wie sie das "Archiv für die Geschichte des Buchwesens" fördert, wie sie Herbert Göpfert, Peter de Mendelssohn, Franz Schönauer betreiben, hat die "großen" Verlage und die "großen" Autoren zum Hauptgegenstand. Sie setzt geordnete Korrespondenzen und Archive voraus. Der Briefwechsel spielt dabei eine große Rolle, angefangen von Cicero und Atticus über Goethe und Cotta bis zu Broch und Brody. Ein faszinierendes Feld, das fast immer einen Blick über das Biographische hinaus in die zeitgenössischen Kommunikationsverhältnisse erlaubt. Dort, wo das Politische im Vordergrund steht, wie bei den Konzern-Analysen von Hugenberg, Münzenberg, Springer, bleibt andererseits das Biographische der Namensgeber nicht außer acht: Der Buchhandel ist vielleicht mehr auf Etikette und Etiketten angewiesen als ein anderer.

Neben den "Großen" aber existieren die "Kleinen", und so lange die Ansichten von "groß" und "klein" sich nicht ändern, ist ihr Bereich nicht die Geschichte, sondern die Vergangenheit. Vergangen und vergessen die Kleinverlage des Realismus und Expressionismus, erst recht die nicht etikettierbaren, und auch schon die der politischen Aufbrüche. Was da lief, erfährt man von den Teilnehmern nicht, weil sie nicht darüber schreiben. Man erfährt es von den Außenstehenden nicht, weil der Einblick in die verworrenen Verhältnisse sehr viel schwieriger ist als der in einen Kaufmannsbetrieb, der für sein seriöses Erscheinen Vorsorge zu treffen hat.

Unter diesen Bedingungen ist das Buch von –

Merve Lowien: "Weibliche Produktivkraft – Gibt es eine andere Ökonomie? Erfahrungen in einem linken Projekt"; Internationale Marxistische Diskussion, Band 65; Merve Verlag, Berlin, 1977; 240 S., 10,– DM

eine Rarität. Sie behandelt Erfahrungen in einem Verlag der Studentenbewegung, der, 1970 gegründet, noch immer da ist. Die "Internationale Marxistische Diskussion", inzwischen zu einer Bibliothek des marxistischen Pluralismus angeschwollen, wird wohl einmal dem frühen "Eurokommunismus" zugerechnet werden. Aber das mag dahingestellt bleiben.

Interessant ist der intellektuelle Anspruch der Gründungsgenossen und dessen Auflösung in materiellen Zwängen der Buchherstellung. "Kollektive Arbeit",, "alternative Ökonomie", "Aufhebung der Arbeitsteilung von Hand und Kopf" – wie macht man das, wenn man Bücher produzieren will und bald nicht nur will, sondern muß? Am Ende gibt es nicht den Verlag, sondern den von Leopold, dem Schriftsteller und "spiritus rector", den seiner Frau, und den nach jeweiliger Kommunikationsfähigkeit wechselnder Genossinnen und Genossen. Gruppendynamik ist stärker als Ideologie. – Dabei bessern sich die Bilanzen, und die Diskussionen werden immer quälerischer. Der Anhang gibt, einen Begriff davon, mit welcher Anstrengung Probleme geschaffen wurden: "Welche Bedeutung kommt einem Protokoll zu?" Bewerbungs- und Austrittserklärungen, Kritik, Kritik, Kritik...: "Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit sei die Erfahrungsgrundlage von Ressentiment. Fritz erinnert an die Verhältnisse in China, er sagt, daß sich dort aber gezeigt habe, daß es mit der Erfahrung von Handarbeit keine so einfache Sache sei. Die Funktionärskaste fahre man in China zur Fabrik hin, und sie habe eigentlich kein Verhältnis dazu. Oskar hält entgegen: in den Verlag, werden, die Leute nicht gefahren. Leopold unterstreicht Fritz’ Hinweis auf China; er gibt Fritz recht: denn um welchen Preis werden intellektuelle Einsichten gewonnen? Sie basieren nur auf Privileg. Dieses Privileg gelte es abzubauen, und zwar von den Intellektuellen selbst; die andern können das nicht tun, sie können jedenfalls nicht den Anfang machen..."