Mit Kampfmusik und verzweifelten Parolen mobilisiert Äthiopien seine letzten Reserven. Seit die Westsomalische Befreiungsfront (WSLF) die Eroberung der Stadt Jijiga meldete, kämpfen die Äthiopier um den letzten Zipfel ihrer Ostregion Ogaden.

Der staatliche Rundfunksender in Addis Abeba rief in der Nacht zum Samstag die „nationale Mobilmachung“ aus. Die gesamte Bevölkerung wurde aufgefordert, die Regierungstruppen gegen die vordringenden „somalischen Eindringlinge“ zu unterstützen. Automechaniker bereiten requirierte Busse und Last-, wagen vor, um Freiwillige und Kriegsmaterial an die Front zu schaffen. Die Ärzte sind aufgerufen, sich „in den Dienst des Krieges“ zu stellen. Die Regierung riet, Lebensmittel Vorräte anzulegen.

Trotz markiger Parolen klingt mehr Verzweiflung als Siegeszuversicht durch: „Helft euren Söhnen und Töchtern, die auf dem Schlachtfeld sterben ... Das revolutionäre Mutterland blutet überall...“

Der Chef der Militärregierung in Addis Abeba, Oberst Mengistu, erklärte am Montag, äthiopische Streitkräfte hätten die Eroberung der Städte Diredaua, Harar und Jijiga durch die Somalis vereitelt. Die Frontlinie verlaufe jetzt zwischen diesen drei Städten. Er räumte aber ein, somalische Truppen hätten „Teile des äthiopischen Territoriums“ besetzt.

Doch die Maßnahmen und Appelle der äthiopischen Regierung sprechen eher für ein stärkeres Vordringen der von Somalia unterstützten WSLF. De Westsomalier, die den Ogaden aus historischen und ethnischen Gründen beanspruchen, melden die endgültige Eroberung von Jijiga. Etwa 4000 äthiopische Soldaten seien getötet worden.

Wenn das zutrifft, dann befindet sich der Osten des äthiopischen Staates fast völlig in den Händen von Separatisten. Die nördliche Provinz Eritrea wird seit August von der Eritreischen Volksbefreiungsbewegung kontrolliert. Von dem südöstlichen Ogaden-Gebiet bleiben den Äthiopiern nur die im abessinischen Hochland liegenden Städte Diredaua und Harar. Da die somalischen Guerrilleros auch die Eisenbahnlinie Addis Abeba–Djibouti unbrauchbar machten, hat Äthiopien den Zugang zum Roten Meer verloren.

Ohne ausländische Unterstützung und Interessen wäre der Krieg am Horn von Afrika wohl kaum derart angeheizt worden. Hier sollen neue Einflußsphären abgesteckt werden, wobei für den somalisch-äthiopischen Bündnispartner Sowjetunion ein stabiles äthiopisches Großreich eher hinderlich ist. Nur so lassen sich die jüngsten Meldungen erklären, daß kubanische Berater für die Eritrea-Sezessionisten arbeiten, Havanna gleichzeitig aber auch Ärzte und medizinisches Personal an die äthiopische Front schickt. Addis Abeba, das im Frühjahr den Amerikanern die Tür wies, erhält zudem sowjetische Waffenhilfe.