Von Rainer Frenkel

So eine Internationale Automobilausstellung erinnert an Olympische Spiele. Würde in den Reden hier wie da. Rekorde hier wie da. Glanz auch bei Akteuren und in den Augen des Publikums – hier wie da.

Wo aber Würde und Glanz sind, dürfen Sorgen nicht fehlen. So ängstigen sich denn die Olympier um den Bestand der Idee eines gewissen Herrn de Coubertin. Und die Auto-Macher um die Freiheit, denn sie kommt aus dem Auto.

Es ist, zumindest auf den ersten Blick, gewiß überraschend, daß die Konzernchefs der Autobranche ebenso wie die Verbandsherren mitten im Glück auf der Bühne Internationale Automobilausstellung ihre Zeigefinger warnend heben (siehe auch Seite 53). Da wird, trotz riesiger Gewinne, der Staat beschworen, sich nicht in die Preispolitik einzumischen. Da wird vor den Kräften jenes längst versprengten Haufens gewarnt, der das Auto einst zum polit-ideologischen „Prügelknaben“ machte (Daimler-Chef Joachim Zahn). Und da wird, wiewohl Erfolge beim Export und in der Abwehr von Importen unverkennbar sind, wieder einmal die Konkurrenzlage zum Schreckbild ausgemalt: „Die Wettbewerbssituation auf den Weltmärkten wird sich verschärfen“ (BMW-Entwicklungschef KarlHeinz Radermacher).

Überraschend also sind die Klagen. Denn die Lage ist alles andere als ernst. Die deutschen Autohersteller haben im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik reichlich 1,8 Millionen Personenwagen verkauft, mehr als je zuvor. Der Marktanteil der Importe, 1970 noch bei 27 Prozent, erreichte dank der geschickten Modellpolitik der Deutschen nicht einmal mehr 22 Prozent. In diesem Jahr werden die Inlandsverkäufe noch einmal um ein werden anziehen. Und da auch der Export besser läuft, wird voraussichtlich ein weiterer Rekord gebrochen, der sechs Jahre Bestand hatte: Die Kraftfahrzeugproduktion wird die Vier-Millionen-Marke hinter sich lassen.

Die Produktionsmöglichkeiten aller heimischen Autohersteller sind bis an die technische Grenze genutzt; die Auftragswelle rollt ungebrochen; die Lieferzeiten sind beträchtlich. Im vergangenen Jahr wuchs die Produktion zweimal schneller als die Zahl der Mitarbeiter. Dies und – allerdings geringe – Preiserhöhungen wirkten sich auf die Gewinne aus. Milliardensummen wurden ausgewiesen, ein erheblicher Teil verschwand, für Außenstehende unentdeckbar, in den Bilanzen.

Woher also rührt die Furcht? Aus den Prognosen sicher auch nicht. Gerade erst haben die Deutsche Shell und das Münchner Ifo-Institut dem Auto eine schöne Zukunft prophezeit. Ifo erklärte, schlicht resümiert, auch 1978 werde ein gutes Jahr. Und Shell ging noch wesentlich weiter. Die Öl-Männer machten zwei Rechnungen auf, eine konservative und eine optimistische. Nach vorsichtiger Schätzung erhöht sich danach der deutsche Autobestand von jetzt reichlich 19 Millionen bis 1980 auf rund 21,4 und 1990 etwa 23,4 Millionen Fahrzeuge; die Zukunftszahlen der Optimisten: 22 und 25,9 Millionen.