Berlin

Der Start versprach einen guten Verlauf: Als Klaus Schütz noch "Regierender" in Berlin war, am 27. Januar 1975, sagte er der Aktion Sühnezeichen zum Bau einer Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz einen Bundeszuschuß von 1,2 Millionen Mark und eine Senatsbeihilfe von 200 000 Mark zu. Schütz, heute Botschafter in Israel, damals zu dem Projekt: "Wir hoffen, ich hoffe, daß die Volksrepublik Polen, daß die Menschen in Polen und die Juden überall in der Welt dieses Zeichen annehmen." Und zum Zweck des Unternehmens – die Verbrechen in Auschwitz nicht zu vergessen – meinte Schütz, der Schirmherr der Tagungsstätte werden wollte: "Wir müssen dies praktisch und tagtäglich unter Beweis stellen, wenn wir unsere eigene freiheitlich-demokratische Ordnung sauber halten von Unduldsamkeit und Menschenverachtung und wenn wir klare Trennungsstriche ziehen gegen Terror und Gewalt und ihre Wortführer – hier im freien Teil Deutschlands."

1975 waren das schöne Worte, ehrenwerte Versprechungen. Die Wirklichkeit freilich, die bürokratische in Bonn, sah anders aus. Auf Grund der staatlichen Zusage schloß die Aktion Sühnezeichen zwar einen Vertrag mit ihrem polnischen Partner, dem "Verband der Kämpfer für Demokratie und Freiheit", der Organisation der Widerstandskämpfer; sie einigten sich auch über die Kostenverteilung; sie beauftragten einen Architekten. Dabei blieb es dann aber.

Denn plötzlich kamen dem Auswärtigen Amt Bedenken – gegen den Standort, wo die Jugendarbeit "zu sehr im Banne der Vergangenheit" stehen würde; gegen den polnischen Vertragspartner; und überhaupt sei ja im Zuge des anvisierten deutsch-polnischen Jugendaustausch-Programms eine zentrale Begegnungseinrichtung an anderer Stelle vorgesehen. Die Zeit verstrich, und nichts geschah.

Die Aktion Sühnezeichen, die seit Jahren in den Vernichtungslagern auf polnischem Boden eine stille, doch weithin anerkannte Arbeit verrichtet, mußte sich, auch gegenüber ihrem Partner, gedemütigt, im Stich gelassen fühlen. Alle Vorstöße, die finanzielle Zusage verbindlich zu garantieren, fruchteten nichts. Und das, obwohl gerade Außenminister Genscher dafür bekannt ist, daß er für die Opfer deutscher Gewaltherrschaft mehr aufbringt als nur Verständnis.

Erst mußte ihm der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann, Mitgründer der Sühnezeichen-Aktion, einen Mahnbrief schreiben und an das "ermutigende und hoffnungsvolle Zeichen" erinnern, daß die Polen ihre anfängliche Abneigung gegen das Projekt aufgegeben hätten. Das war bereits im September 1975. Noch immer rührte sich nichts. Dann, im März 1977, schaltete sich der Berliner Altbischof Kurt Scharf in die mehr als unerfreuliche Angelegenheit ein und erinnerte den Minister an das Bonner Versprechen, das Schütz der Aktion gegeben hatte. Endlich rührte sich etwas: Genscher erklärte sich bereit, die "Bedenken" des Auswärtigen Amtes zurückzustellen". Die Zusage über die finanzielle Beihilfe freilich mochte auch er nicht erneuern.

Inzwischen war die ganze betrübliche Akte "Auschwitz" dem Familienministerium überwiesen worden, das auch für "Jugend" zuständig ist. Inzwischen hatte sich auch die früher versprochene Beihilfe um die Hälfte reduziert: Durch Spenden und eine Sammelaktion werden jetzt nur noch 600 000 Mark benötigt, die Ministerin Antje Huber zu zahlen bereit ist. Jedenfalls ist das die letzte, indes nur mündliche Auskunft. Es fehlt immer noch die schriftliche Bestätigung, damit der vor nunmehr zwei Jahren zwischen der Sühnezeichen-Aktion und dem Widerstandskämpfer-Verband geschlossene Vertrag endlich auch unterschrieben werden kann. Ein deutsches Trauerspiel ginge dann endlich zu Ende.