„Berlin läuft über“ – das war in den letzten Wochen der Stoßseufzer im Verkehrsamt, bei Zimmervermittlern, im Informationszentrum –; und selbst die Hoteliers konnten nicht verschweigen, daß Funkausstellung, Interchic, Europäische Kunstausstellung und Berliner Festwochen auch das letzte der 16 000 Hotelbetten strapaziert haben.

So geht es auch noch weiter. Im Oktober kommen etwa 2000 Teilnehmer einer Fachtagung für Gebäudereiniger und 1500 Apotheker nach Berlin; auch zum Fußball-Länderspiel Deutschland–Italien und zur Jubiläumstagung „100 Jahre Verband der Chemischen Industrie“ werden zahlreiche Gäste erwartet. Außerdem werden allein im September, Oktober und November weitere 200 Tagungen und Kongresse stattfinden.

Manche Tagung fällt auch ins Wasser. Ein Fachverlag mußte nach Frankfurt ausweichen, weil keine Zimmer in Berlin mehr zu haben waren. Dies ist nicht der erste Fall dieser Art. Selbst der größte Reisebüro-Kongreß der Welt, den die American Society of Travel 1979 in Berlin veranstalten wollte, hat sich nach München umorientiert.

Dennoch wollen Berlins Hoteliers seit Jahren nur ungern etwas von Kapazitätserweiterungen hören. Sie finden allerlei Gegenargumente: Die Ballung von Terminen solle besser entzerrt werden; Auslastung und Rentabilität der Berliner Hotels seien im Jahresdurchschnitt unbefriedigend; es gebe nicht genügend Personal, so daß neue Hotels den Kampf um jeden Kellner und jedes Zimmermädchen nur beleben würden. Der Innungsmeister des Hotelgewerbes und CDU-Abgeordnete Heinz Zellermayer meinte zum Beispiel, im Falle des Fachverlages hätte eben der Regierende Bürgermeister zum Telephon greifen müssen „und um eine kleine Verschiebung bitten müssen“ – als wenn dies so einfach wäre.

Wenn schon neue Hotels gebaut werden sollen, dann möchten die Berliner Hoteliers dies unter sich ausmachen. Staatliche Förderungsmittel, so schlugen, sie vor, sollten nur ortsansässigen Bewerbern geboten werden. Der Berliner Senat ist darauf nicht eingegangen. Bis 1979 soll der Bau von 1300 Hotelzimmern der gehobenen Kategorie durch ERP-Kredite und Bereitstellung städtischer Grundstücke gefördert werden. Außerdem soll die Modernisierung von Pensionen, etwa durch Einbau von Bad und WC, angeregt werden. Bis 1985 ist eine Erhöhung der Zimmerzahl um 2700 geplant. Bewerber gibt es bereits genug, auch aus dem Ausland, wie etwa der Sheraton-Konzern oder die Hotelkette Holiday Inn.

Die Leiterin des Verkehrsamtes Berlin, Ilse Wolff, hat den Argumenten aus der Hotelbranche einiges entgegenzuhalten. Die Termine seien bereits entzerrt. „Wir haben gemacht, was machbar ist.“ Die Internationale Tourismus-Börse und die Filmfestspiele seien verlegt worden, Tagungen habe man bis in den November verschieben können. Die Auslastung der Hotels sei besser als in allen vergleichbaren Großstädten und liege – gemessen an der Bettenzahl – im Jahresdurchschnitt bei 53 Prozent; da insbesondere bei Tagungen viele Doppelzimmer an Einzelpersonen vermietet werden, ist die Nutzung der Hotelzimmer noch weit höher.

Innungsmeister Zellermayer selbst hat für den Juni eine Belegung der Hotelbetten von 82,5 Prozent konstatiert. Dabei ist der Juni noch nicht einmal der Spitzenmonat. Die höchsten Übernachtungszahlen werden im Mai, September und Oktober registriert; schwächster Monat ist der Dezember.