Die Bundesrepublik: Polizeistaat oder beste aller Demokratien? Disput über Ursachen und Gefahren von Zerrbildern und Ressentiments

Ein ZEIT-Gespräch von Fritz J. Raddatz

Raddatz: Es sieht so aus, als müßte man von einer eklatanten Verschlechterung der deutschfranzösischen Beziehungen sprechen – vielleicht nicht im staatlichen Bereich, aber doch in dem, was man intellektuelle Moral oder intellektuellen Dialog nennen kann. Ein Indiz etwa ist – darin sind wir wohl einig – der törichte Artikel von Genet in Le Monde über die RAF, der seine Faszination von Blut und Gewalt offenbar werden läßt, wie stets in seinem Werk, das man im ganzen bewundern kann.

Wo liegen die Ursachen für eine so jähe Welle ungerechter Kritik?

Grosser: Ich möchte erst einmal verneinen, daß die Lage so ist, wie Sie sagen. Ich glaube, daß es in Frankreich tatsächlich im Falle Kappler, dann über das, was man die „Hitler-Welle“ genannt hat, eine Reihe von meiner Meinung nach törichten Reaktionen gegeben hat, die dann aber von der deutschen Presse dramatisiert und hochgespielt worden sind. Um Ihr Beispiel zu nehmen: Der Artikel von Jean Genet ist zwar auf Seite eins erschienen, aber als Diskussionsbeitrag eines freien Mitarbeiters. Einige Tage vorher stand am selben Platz ein sehr langer Bundesrepublik-Artikel von mir – der ich ständiger Mitarbeiter bin –, der von niemandem in der deutschen Presse in diesem Zusammenhang überhaupt nur erwähnt worden ist.

Grass: Aber, Herr Grosser, wir sprechen jetzt zwar bei der Zusammensetzung hier am Tisch zwar in erster Linie über deutsch-französische Verständnisse und Mißverständnisse, doch das, was zur Zeit passiert – und langsam auch wieder abebbt, vielleicht, weil man erschrocken ist über die Wirkung in den einzelnen Ländern –, betrifft ja nicht nur das Verhältnis Bundesrepublik–Frankreich. Das gleiche, zum Teil noch schlimmer, läßt sich von Italien sagen. Es gab schon seit Monaten ein Zunehmen der überbordenden und den Anlaß aus den Augen verlierenden Kritik von England her. In Skandinavien, in Schweden ist das seit Jahr und Tag zu beobachten.