Seitdem Spanien, Griechenland und Portugal an die Tür der Europäischen Gemeinschaft klopfen, steckt die italienische Regierung in einem Dilemma. Entsprechend dem alten Wunschtraum, den Schwerpunkt der Gemeinschaft nach Süden zu verlagern, müßte sie die Aufnahme-Anträge der neuen Kandidaten politisch unterstützen. Damit aber lädt sie sich gleichzeitig für ihre Landwirtschaft härteste Konkurrenz ein. Denn Oliven, Zitronen, Apfelsinen,. Feigen, Wein und Mandeln bieten die EG-Anwärter ebenso an wie Italien. Nur – viel billiger.

Aus diesem politisch-wirtschaftlichen Widerspruch heraus ist es zu erklären, daß Roms Premier Giulio Andreotti kürzlich bei Staatsbesuchen in den südlichen Nachbarländern großzügige politische Unterstützung für den Gang nach Brüssel versprach und sein Landwirtschaftsminister Giovanni Marcora zur gleichen Zeit den neuen Kandidaten fast ein Veto androhte.

Inzwischen aber hat römische Findigkeit einen Weg entdeckt, der zugleich Italiens Amt als Fürsprecher der armen Nachbarn bestätigt und die Forderungen der Mezzogiorno-Landwirtschaft sichern soll. Dieser Weg soll mit Agrarsubventionen aus Brüssel gepflastert werden.

In Rom stellt man sich vor, daß die Europäische Gemeinschaft ebenso wie für Milch und Butter für eine Reihe von Agrarprodukten aus dem Mittelmeerraum Mindestpreise und Abnahmegarantien bietet. Diese Vorteile kamen dann nicht nur Italien, sondern auch den Beitrittskandidaten zugute. „Genauso, wie die Italiener holländische und bayerische Butter essen, soll in Deutschland, England, Belgien und Holland italienisches Obst und Gemüse verzehrt werden, anstatt daß Südfrüchte aus Israel, Tomaten aus Osteuropa, Apfel aus Südafrika und Fruchtsäfte aus Kalifornien kommen“, kündigt Roms Landwirtschaftsminister an. Überschüsse sollen mit verstärkter Gemeinschaftshilfe zu Konserven, Säften und Marmelade verarbeitet und unter Abnahmegarantie gestellt werden.

Das Ganze, so schätzt Marcora, würde die europäischen Steuerzahler kaum 400 Milliarden Lire (1,1 Milliarden Mark) mehr kosten – und daß sei immerhin nur ein Fünftel dessen, was die Gemeinschaft heute für Butter. und Milchpulver aufwende. Falls den Mitteleuropäern dieser Preis zu hoch erscheint, will Rindvieh-Großzüchter Marcora ein italienisches Veto gegen den Beitritt der drei armen Mittelmeernachbarn einlegen.

Der italienische Blätterwald ist voll von Berichten über gewisse kalabrische Produzenten, welche die Oliven am Baum verfaulen lassen, weil die Gemeinschaft einen Zuschuß pro Olivenstamm gewährt das Öl kaufen diese Geschäftemacher dann billiger in Spanien oder Tunesien! Und wenn stets der gleiche Karren mit überreifen Apfelsinen oder Pfirsichen auf die Subventionswaage rollt, ehe das überschüssige Obst zur Vernichtung abtransportiert wird, dann sind das schon regelrechte Maffiatricks. Kurzum, Rom und Brüssel müßten eine umfangreiche neue Bürokratie beschäftigen, wenn sie das neue Zuschuß- und Verteilungswesen sauber organisieren wollten.

Sicher ist die EG-Empfehlung an Italien recht dürftig, es mit Rhizinus und Soja zu versuchen. Marktnischen bieten genügend andere Produkte. Nun „droht“ das Land, ganz gleich wie die neuen Subventionsverhandlungen ausgehen, mit erheblichen Produktionssteigerungen für fast alle Agrarerzeugnisse.