Von Rudolf Walter Leonhardt

Seit dem „Spion, der aus der Kälte kam“ ist John Le Carré ein Markenname für den anspruchsvollen Agentenroman, der verstanden werden kann als die außenpolitische Variante des eher innenpolitischen „Krimis“. Spannende Unterhaltung von hohem literarischem Rang bringt Le Carré in eine Klasse mit Georges Simenon und Graham Greene. Soeben ist sein neuester Roman erschienen.

Als ich vor drei Jahren, Ende August 1974, nach Italien fuhr, traf ich dort, hinter den Bädern von Lucca, den englisch-irischen Autor, dessen Agenten-Story „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ („Dame, König, As, Spion“) gerade erschienen war und der an der Fortsetzung, einem zweiten Roman, arbeitete. Mein Erfahrungsbericht in der ZEIT Nummer 38 vom 13. September 1974 begann mit dem Satz: „Wenn es dem Teufel in der Hölle zu kalt ist, geht er im August in die Berge hinter Lucca.“

Während eines vergleichsweise angenehm kühlen Septembers auf Sylt 1977 las ich: „Der Teufel kam dort hin (in die Berge hinter Lucca), wenn es ihm in der Hölle zu kalt wurde.“ So steht es in dem Roman, über den hier zu berichten ist –

John Le Carré: „Eine Art Held“ (Originaltitel: „The Honourable Schoolboy“), aus dem Englischen von Rolf und Hedda Soellner; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1977; 603 S., 34,– DM.

Im zweien Kapitel („Der große Ruf“) dieses Romans schildert David Cornwell, der sich als Schriftsteller John Le Carré nennt, jenen satanisch heißen, von Ungeziefer wimmelnden, hygienisch in keiner Weise abgesicherten Sommer in der Toskana genau so, wie wir ihn gemeinsam erlebt haben. Jeden einzelnen Satz kann ich daher auf seinen Wahrheitsgehalt kontrollieren. Befund: Jeder einzelne Satz stimmt. John Le Carré ist ein guter Beobachter und ein zuverlässiger Beschreiber. Ihm darf man vertrauen.

San Roman ist auch das: die Arbeit eines sehr gewissenhaften, sehr fleißigen, sehr einfühlsamen Reporters. Neben Graham Greenes „Stillem Amerikaner“ gibt es kein anderes Erzählwerk, das einen Teil des Fernen Ostens uns Westeuropäern näherbringen könnte: Vietnam, Kambodscha, Thailand, Laos und vor allem und immer wieder Hongkong.

Zunächst jedoch wird der Leser nach London versetzt, wo George Smiley (der einst den Spion in Empfang nehmen wollte, als jener aus der Kälte eben doch nicht zurückkam) den „Zirkus“ des britischen Geheimdienstes in mühsamer Kleinarbeit wieder aufzubauen versucht. Der „Maulwurf“, ein Sowjetagent unter den höchsten Staatsschützern Ihrer britischen Majestät, hatte das Renommee Londons auf dem internationalen Spionagemarkt so gut wie völlig untergraben, ehe Smiley ihn überführen konnte. (Das ist, in einen Satz zusammengedrängt, der Inhalt von „Dame, König, As, Spion“.) Alle Macht des Auskundschaftens und Hinter-den-Kulissen-Manipulierens war den beiden anderen zugefallen: dem Feind in der Moskauer Zentrale, die im sowjetischen Geheimdienstchef Karla personifiziert wird; und dem kaum weniger unbeliebten Verbündeten, den reichen „Vettern“ aus Amerika.

Als Operation zur Wiederbelebung britischen Prestiges bietet sich an ein „Unternehmen Delphin“. Die Atmosphäre politischer Spannung, die ein Agentenroman schließlich braucht, wird, da der kalte Ost-West-Krieg sie nicht mehr hergibt, im chinesisch-russischen Konflikt gesucht. Und als Einzelkämpfer wird der englische Geheimdienstmann Jerry Westerby eingesetzt, ein Journalist, der sich wegen seines adeligen Vaters „honourable“ nennen darf, aber das, also „ehrenwert“, nun gerade nicht ist. Dafür ist er zu menschlich. Ihn erreicht in der höllisch heißen Toskana das Telegramm Smileys, das ihn zum Einsatz nach Hongkong, Phnom Penh, Vientiane und Saigon ruft

Der Leser, der all diese ihm halb bekannten Kampfplätze des Fernen Ostens auf eine tagesschauhöreroberfläche Weise kennt, lernt sie besser kennen aus der Perspektive des gar nicht schlechten Journalisten Westerby, der eine Erfindung ist des genialen Journalisten John Le Carré. Kein anderer Romanautor hat die Orte seiner Handlungen gründlicher studiert als er – auch darin Graham Greene vergleichbar.

Die Schauplätze sind beinahe wichtiger als die Handlung. Denn was, so mag der geschulte Krimi-Leser oder Politologe sich fragen, ist denn eigentlich bei diesem „Unternehmen Delphin“ herausgekommen? Was macht dieses Unternehmen so wichtig, daß einer der sprachbegabtesten englischen Autoren drei Jahre seines Lebens daransetzt, es zu schildern? Was ist da, das einen Leser veranlassen könnte, 34 Mark auszugeben und sechshundert Seiten lang sich in Geduld zu üben?

Die Schilderung der Schauplätze vermittelt Eindrücke, die so tief und so richtig sind, wie sie der normale Zeitungsleser nicht erlebt. Dazu kommt, daß Le Carrés Figuren, sein Personal, das diese Schauplätze bevölkert, einem das Gefühl geben: Diese Typen kenn’ ich doch!

„Diese Typen“: das sind zum einen und vor allem Journalisten, da ja der Held („eine Art Held“) der Geschichte ein Journalist ist; auch seine Kollegen, Luke etwa oder Old Craw, sind so gezeichnet, daß ein Kollege sie als sehr wahr und so seiend akzeptiert. Die Beziehungen zwischen Journalisten und Agenten sind ein altes Thema, über das sich Amerika gerade jetzt wieder von neuem erregt.

„Diese Typen“: das sind auch die Ämterverwalter in London wie in Washington. Nirgendwo in der Weltliteratur werden Bürokraten verständnisvoller und zugleich erbarmungsloser gezeichnet als von John Le Carré.

„Diese Typen“: das sind auch die Frauen – das rothaarige, schlaksige Waisenkind in der Toskana, „nicht genug Busen, um ein Kaninchen zu stillen“; die Agentin Connie Sachs; Molly, die Unschuld von London; vor allem jedoch Lizzi Worthington, die als Liese Worth ein neues Leben anfängt, aber nicht zu einem guten Ende bringen kann.

„Es gibt Frauen, fand Jerry, die ihren Körper tragen, als sei er eine Zitadelle, die nur der Tapferste erstürmen könne... Es gibt Frauen, die entschlossen scheinen, sich seiner nicht zu mögen, die Schultern hochziehen und die Hüften zurückschieben. Und es gibt Frauen, die nur auf ihn zuzugehen brauchten, um ihm damit ein Geschenk zu machen.“ Auf englisch klingt das hübscher, poetischer.

David Cornwell alias John Le Carré hat einmal gesagt, er brauche die Agenten-Story als eine Form, in der er das transportieren könne, was et mitzuteilen habe. Kein Zweifel: Er hat vieles mitzuteilen, das zur Kenntnis zu nehmen sich lohnt.

Die Frage drängt sich freilich auf, ob die Form es denn dulde, daß sie nur als Vehikel für Inhalte – gewiß interessante, gewiß höchst bemerkenswerte Inhalte – gebraucht wird. Der Leser zum Beispiel, der die Form einer Trilogie der Spannung erwartet hatte, bei der es am Ende (wie am Anfang versprochen) um die Auseinandersetzung zwischen den Geheimdienstchefs George Smiley auf englischer, „Karla“ auf russischer Seite gehen werde, könnte sich düpiert fühlen: Karla wird in diesem Roman zwar dauernd genannt, aber tritt kaum in Erscheinung – nur einmal, als mutmaßlicher Übersender größerer Geldbeträge.

Und wie kann sich ein Smiley, der offenbar abgewirtschaftet hat, im dritten Teil wieder aufraffen, um noch einmal Karlas ebenbürtiger Gegenspieler zu werden? Er leide an „einer kleinen Überanstrengung“, so steht es in den Dossiers, die im Großbritannien John Le Carrés so schicksalsträchtig sind. Smiley selber freilich spricht von „diesem gegenwärtigen Engpaß“, von etwas zu Überwindendem also.

Als hätte er den hier versuchsweise erhobenen Einwand geahnt, schließt Cornwell unvermittelt zuversichtlich. Guillam, der getreue Adjunkt, verweist Smileys Resignation in eine „Blaue Periode“: „Heute, sagt er, ist George fast wieder der alte... und Guillam ist überzeugt, daß sie eines Tages einfach wieder zusammenkommen und beisammen bleiben.“ Um im dritten Band der Trilogie dann endlich sich. mit Karla zu messen?

Le Carrés Entwicklung von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ zu „Eine Art Held“ bedeutet literarischen Gewinn, der erkauft wird durch Spannungsverlust. Es gibt hier kaum einfache, geschweige denn doppelte Überraschungseffekte (double twists). Alles geht seinen geheimdienstlichen Gang, wobei es am amüsantesten wird, wenn der Weg durch verschlungene Bürokratenlabyrinthe führt.

Mehr und mehr jedoch bedient sich Le Carré höchst kunstvoller literarischer Mittel: verschiedene Zeitebenen werden ineinandergeschoben, Metaphern werden; meisterhaft gesetzt, der Wortschatz ist gewaltig groß.

Das alles macht den Übersetzern ihre Aufgabe schwer. Sie lösen sie kompetent insoweit, als sie dort, wo es darauf ankommt, nie etwas Falsches sagen, und überdurchschnittlich oft treffen sie auch genau das Richtige. Der Computer könnte nachweisen, daß sie dabei mit viel weniger Wörtern auskommen als der Autor: Sie vereinfachen, gewinnen dabei an Leichtverständlichkeit, was sie an Fülle verlieren.

Die Metaphern nehmen sie nicht ernst, und dadurch geht von der anspruchsvollen literarischen Qualität viel verloren. Ein Beispiel für viele: Daß die meisten der britischen Geheimdienstleute alter Schule eine vornehme Public-School-Erziehung hinter sich haben, wird ebenso wie ihre „Englischkeit“ überhaupt deutlich gemacht durch ständig wiederkehrende Cricket-Metaphern. Einen gewissenhaften Übersetzer hätte das veranlassen müssen, sich mal ein bißchen mit Regeln und Vokabular dieses Spiels zu beschäftigen. Er schriebe dann nicht: „als bedauerte er die Entwicklung des Leistungssports zum Massensport“, wo im Original etwas völlig anderes steht, dem allenfalls der genau entgegengesetzte Sinn abgerungen werden könnte. Da heißt es nämlich: „as he might have implored power tennis or bodyline bowling“, wobei das „powerplay“ des Tennis-Cracks (Aufschlagsasse und uneinholbare Returns) ebenso als eine leider von den Regeln zugelassene Entartung bedauert wird wie der auf den Mann statt auf das Schlagmal zielende Gewaltwurf des hart am Rande der Fairneß operierenden Cricket-Profis.

– Für den Sinnzusammenhang ist das unwichtig. Aber der große Romancier, dem die Metaphern ruiniert werden, kommt aus dieser Verdeutschungsmühle literarisch einigermaßen gerupft heraus. Gerecht wird man einem John Le Carré damit nicht, der eben doch gerade versucht, die Agenten-Story zum tragenden Gerüst für anspruchsvolle Literatur zu machen.

Deutlicher als an der zuweilen mißhandelten Form lassen sich Carrés über das Unterhaltende hinausreichende Absichten am Inhalt der deutschen Version ablesen. Da werden sehr ernsthaft so höchst aktuelle Fragen behandelt wie die nach der Priorität bei machtpolitischem Interesse und Menschlichkeit. Die Helden, eine Art von Helden, wie der deutsche Titel sehr treffend betont, sind in John Le Carrés Romanen immer liebenswerte Abenteurer wie der Spion, der aus der Kälte kam, der Gymnasiallehrer in „Dame, König, As, Spion“ oder der sympathische Journalist Jerry Westerby. Und eines Tages durchschauen sie die kalte Widerwärtigkeit der Staatsräson, zu deren Werkzeug sie sich haben machen lassen, und sterben als Menschen.

George Smiley überlebt. In dieser Figur probt John Le Carré immer neue Antworten auf die eine Frage, ob einer denn auch in exponierter Stellung ein ganz und gar loyaler, seinen Auftrag über alles stellender Funktionär und dennoch ein Mensch, ein Träger von Menschlichkeit sein könne. Smileys bisher letzte Antwort lautet, er habe gelernt, „das ganze Leben als eine Verschwörung zu verstehen Und es wurde ihm ja auch wahrhaftig übel mitgespielt. Dennoch bleibt zu hoffen, daß er noch dazulernt.