Von Walter Hinderer

Nicht wenige Literaturkritiker, die ihr Methoden- oder Modenbewußtsein unter Beweis stellen wollten, emigrierten in den sechziger Jahren nur allzu gern aus den gepflegten englischen Gärten der Interpretation in die manchmal atemberaubende Höhenwelt der Theorie. Gewiß, inzwischen hat sich in den Seminaren wieder gähnende Theorie-Müdigkeit ausgebreitet, aber eine Rückkehr zu dem ebenso schönen wie gemütlichen Konsum ästhetischer Kostbarkeiten scheint nichtsdestoweniger ausgeschlossen zu sein.

Die akademische Literaturkritik verdankt ihr Reflexions-Niveau nicht zuletzt der Konstanzer Schule und der Forschergruppe „Poetik und Hermeneutik“ (deren Arbeiten im Verlag Wilhelm Fink erscheinen). Am konsequentesten hat in jüngster Zeit der Konstanzer Anglist Wolfgang Iser die Brücke von der-akademischen Literaturkritik zur Kommunikationswissenschaft geschlagen. Bereits in seiner Konstanzer Universitätsrede (veröffentlicht in dem Band „Rezeptionsästhetik“) „Die Appellstruktur der Texte“ entwarf er das vieldiskutierte Programm einer Wirkungsästhetik literarischer Prosa und überprüfte es in dem bemerkenswerten Buch „Der implizite Leser“ an subtilen Textanalysen von Bunyan bis Beckett.

Auf die Praxis folgt nun die anspruchsvolle Theorie –

Wolfgang Iser: „Der Akt des Lesens – Theorie ästhetischer Wirkung“; UTB 636, Wilhelm Fink Verlag, München, 1976; 358 S., 19,80

Diese „Phänomenologie des Lesens“ arbeitet mit einem neuen Begriffssystem, das auf Errungenschaften Husserls und Ingardens, der Kommunikationspsychologie, Sozialpsychologie und Semiotik (vor allem Umberto Eco) kritisch aufbaut und das Beziehungsgeflecht von Wirkungsstrukturen zwischen Text und Leser durchleuchtet.

Jeder literarische Text stellt nach Iser eine von seinem Autor entworfene Perspektive von Welt dar. Sie wird erst im und durch den Prozeß des Lesens zur Wirklichkeit, und zwar zu einer Wirklichkeit sui generis, die nichts mit der außerästhetischen Realität gemein hat. Textstruktur und Aktstruktur verhalten sich also gewissermaßen wie Intention und Erfüllung. Kann man literarische Texte dann als eine Art Partitur verstehen, die im Bewußtsein des Lesen notengetreu zur: Aufführung gelangen? Gerade indem die modere Literatur (Kafka, Joyce, Beckett) sich mit Anweisungen für den Leser (Kommunikationshilfen) zurückhält, versucht sie seine kreative Aktivität zu provozieren und durch Unbestimmtheitsbeträge, Leerstellen und ständige Negationen noch zu erhöhen. Angesichts der vielen Möglichkeiten, solche Enklaven im Text mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen zu besetzen, stellt sich die Frage nach den Kriterien für falsche und richtige Interaktion (wobei heute die Antworten Max Schelers und Nicolai Hartmanns sicher nicht mehr ausreichen).