Von Wolfgang Hoffmann

Eines muß man Postminister Kurt Gscheidle lassen – für seine Mitteilung, der umstrittene Telephonzeittakt sei nun beschlossen, hat er den günstigsten Zeitpunkt gewählt. Die Öffentlichkeit ist durch so etwas gegenwärtig nicht zu erregen;sie blickt wie gebannt auf die Terrorszene in der Bundesrepublik. Sollte es dennoch Leute geben, die sich dafür interessieren, werden die einem Minister den Beifall nicht versagen, der Vorsorge für bedrohte Arbeitsplätze schafft: Schelte über das Vorziehen von Investitionsaufträgen in Höhe von 1,6 Milliarden Mark, die für den Zeittakt nötig sind, mußte Gscheidle nicht mehr fürchten.

Doch es empfiehlt sich, nicht allzu voreilig in den Applaus einzustimmen. Zunächst zur Sache. Die Ortsnetze sind bisher so schlecht geschnitten, daß Millionen Fernmeldeteilnehmer in Ballungsgebieten per Ortsgebühr stundenlang telephonieren können. Auf dem Land können das oft nur ein paar hundert. Diese Ungerechtigkeit verlangte Abhilfe. Ein neuer Zuschnitt der Ortsnetze in etwa überall gleich große Nahbereiche ist nur konsequent.

Technische wie wirtschaftliche Gründe – sagt die Post – bedingen beim Nahdienst aber den Zeittakt. Zunächst sollte das Ortsgespräch auf vier Minuten pro Einheit begrenzt werden. Unter dem Druck von Protesten schwor Gscheidle dem vor der Wahl ab. Nach der Wahl kam er auf acht Minuten zurück. Doch auch das sollte ers: in sechs ausgewählten Gebieten bis Frühjahr 1978 getestet werden.

Nach knapp einem halben Testjahr feiert Gscheidle den Erfolg nun schon heute und vergib: Aufträge an die Industrie. Außerdem ließ er sich bundesweite Volkszustimmung ausgerechnet von einem Umfragebetrieb einholen, auf den sich Bonn gewöhnlich nicht verläßt, vom Tübinger Wickert-Institut.

Daß in den Testgebieten die Gespräche billiger werden mußten, wußte man ohne Versuch. In Ballungsgebieten wie Berlin oder Hamburg aber schnellen die Gebühren in die Höhe. Berlin soll daher – aus politischen Gründen – vom Zeittakt ausgenommen werden. In Hamburg wollte der Wirtschaftssenator das gleiche erreichen. Tatsächlich hat Gscheidle seine Versuche nur in ländlichen Gebieten laufen lassen. Er hätte eine Oberpostdirektion mit Ballungsraum und ländlichem Gebiet auswählen müssen, wäre ihm an einem halbwegs ehrlichen Ergebnis gelegen gewesen.

Gscheidles Tun ist zwar rechtmäßig; denn das Parlament hat seine Postrechte an den Postverwaltungsrat delegiert, und der geht im Zweifel stets weiter als der politische Minister. Das schließt freilich nicht aus, daß die politischen Spitzen dennoch anderes verfügen können. Am 13. Februar 1976 hat Kurt Gscheidle vor dem Bundestag erklärt: „Die Deutsche Bundespost wird im übrigen nach Abschluß und Auswertung des Probebetriebs prüfen, ob nicht durch rasche Einführung des Nahdienstes auch ein Beitrag zur Verbesserung der konjunkturellen Lage der Fernmeldeindustrie geleistet werden kann.“