ARD, Dienstag, 27. 9., 21 Uhr: „Eine Jugendliebe“, von Thomas Valentin (Buch) und Rainer Wolffhardt (Regie).

Die Fernsehspielredaktionen der ARD kündigten an, man wolle in loser Reihenfolge „richtige Liebesgeschichten“ produzieren. Der Dramaturg Jürgen Breest von Radio Bremen ist sich der Gefahren bewußt, die diese Kategorisierung nach „Tatort“-Muster mit sich bringt. Unter Rechtfertigungszwang gesetzt, räsoniert er in der Fernsehspielbroschüre der ARD über Kriterien, die „eine Liebesgeschichte“ von anderen Genres abheben soll. Sie liefert, so Breest, „kritische Auseinandersetzung mit Emotions- und Kommunikationssystemen der Vergangenheit und Gegenwart“. Die Idee wird umständlich als Kästchen zementiert und muß sich in den nächsten Monaten als „Genre“ ausweisen. Wie gut, daß Autor Thomas Valentin, Regisseur Rainer Wolffhardt und Dramaturg Jürgen Breest in ihrer gemeinsamen Arbeit diese vorprogrammierten Mißverständnisse konsequent umgangen haben.

„Eine Jugendliebe“ ist der erste Teil einer „Lieben“ überschriebenen Trilogie von Thomas Valentin. Die Hauptfigur heißt Wolfgang Rohlfs. Thema: sein Leben in Deutschland zwischen 1939 und 1965, zwisen dem 17. und 42. Lebensjahr. Der epische Anspruch wird in bescheiden eingegrenzten Episoden realisiert, die Liebes- und Lebensverhältnisse in der Zeit und gegen die Zeit (Nationalsozialismus, Adenauer-Ära, Aufbruch der sechziger Jahre) verdeutlichen sollen. Valentin (Jahrgang 1922) und Regisseur Wolffhardt (Jahrgang 1927) hatten bereits in dem Fernsehspiel „Jugend einer Studienrätin“ (1972) das gewöhnliche Miteinander im nationalsozialistischen Alltag geschildert: als ungeklärtes Moment deutscher Biographien. In diesem Bereich eigener Erfahrung setzt „Eine Jugendliebe“ an: der Primaner Wolf gang trifft 1939 auf dem Land das Mädchen Nanni. Er verbringt seine Sommerferien im Dorf Fsicherhude bei Bremen. Feste auf der Veranda, linkische Annäherung, Politik im Volksempfänger, ein Judenstern im Ort, an die Front zum großen Abenteuer, Wolfgangs Großvater – ein knarzender Sozi mit Schnaps und Widerstand. Ob Faschismus oder nicht: in dieser kleinen Welt ist alles scheinbar vorherbestimmt.

Die Sprengkraft einer Liebesbeziehung wird unter Tabus erstickt. Der Student Wolfgang überlebt die Zeit, die junge Frau ist das Opfer. Sie kann den Gedanken nicht ertragen, daß Wolfgang bei seinem Wehrausgleichsdienst in Luxemburg eine Liebesbeziehung zu einem Mädchen der Résistance hatte. Als er 1943 nach Fischerhude zurückkommt, ist Nanni die eingeschüchterte Soldatenbraut. Ihre Kraft ist vernichtet. Sie wird es nicht überleben.

Thomas Valentin hat eine Reihe von Figuren erfunden, die das Dorf Fischerhude wie selbstverständlich in den Nationalsozialismus einpassen. Hier eine Armbinde, dort ein Führerbild – fast alle Figuren stehen in einer Erziehungstradition, die autoritär verordnete Lebensführung zur Selbstverständlichkeit macht. Auch Wolf gang ist ein „seltsamer Deutscher“, der seinen subjektiven Bedürfnissen und Fragen nicht trauen mag. Das Mädchen aus Luxemburg fragt nach den KZs: „Es ist mir ein Rätsel, was ihr alles nicht wißt... Ihr wollt gar nichts wissen. Ihr trennt immer innen und außen. Innen ist alles wunderbar und außen ist Dreck und Politik.“

Der Film „Eine Jugendliebe“ spielt tatsächlich ausschließlich „innen“ – in der idealisierten Klarheit von Marschlandschaft und sommergrünen Wäldern. Rainer Wolffhardt setzt die Widersprüche nur ganz behutsam durch. Er läßt seinen Kameramann Rolf Romberg Schicht für Schicht der Alltagsexistenz aufdecken – ohne Aufdringlichkeit und symbolische Überfrachtung. Es ist so, weil die Leute so leben: Gemüse im „Völkischen Beobachter“ eingewickelt, Kruzifix neben dem Volksempfänger, Goethe unter dem Führer-Bildband, HJ-Drill am Straßenrand. Die Details erzählen viele neue Geschichten über den Moment hinaus – eine außerordentliche Fähigkeit des Regisseurs, die er beständig in den vergangenen 20 Jahren, völlig unabhängig von Modetrends im Fernsehspiel, entwickelt hat. (Ein besonders gelungenes Beispiel ist die Böll-Verfilmung für das ZDF, „Haus ohne Hüter“ – 1975).

Thomas Valentin war 14 Jahre lang Lehrer, bevor er seinen Schülerroman „Die Unberatenen“ (1963) veröffentlichte. Seine jugendlichen Charaktere leben von dieser Erfahrung, Rainer Wolffhardt hat ihr durch die sorgsame Auswahl unbekannter Gesichter entsprochen. Nur selten (vor allem zu Beginn) stören die hölzernen Wendungen der Protagonisten. In den sprachlosen Momenten setzt sich die Verletzlichkeit der Menschen um so drängender durch – herausragendes Beispiel: die einzige gemeinsame Nacht von Wolfgang und Nanni. Wolffhardt steuert den Film manchmal hart an den Rand von Kitsch und Wehmütigkeit – eine, wie ich finde, legitime Methode, die vom Fernsehen allgemein zerstörte Geduld und Aufmerksamkeit zu halten.