Berlin

Für den Standesbeamten im Westberliner Bezirk Kreuzberg gehört es inzwischen zur täglichen Praxis: Über die beiden vor ihm sitzenden Ehewilligen, der Bräutigam ist Ausländer, die Braut Deutsche, sagt ihm sein berufsmäßig geschultes Gefühl, daß etwas nicht stimmt. Und manchmal wird es auch ganz augenfällig: Da muß ein Dolmetscher zwischen den beiden Verlobten übersetzen, das Paar spricht sich mit „Sie“ an, oder die zukünftige Ehefrau weiß auf die Frage nach der Nationalität ihres Auserwählten nichts zu antworten. Gleichwohl wird die Ehe geschlossen, denn der Standesbeamte prüft nur, „ob die Papiere stimmen“.

In Westberlin unterlaufen immer mehr ausländische Arbeitnehmer den seit 1973 bestehenden Anwerbestopp, indem sie mit einer deutschen Schein-Ehe-Frau automatisch das Recht auf eine Aufenthaltsgenehmigung und den bevorzugten Anspruch auf Einbürgerung erwerben. Das einzige Problem besteht darin, eine Frau zu finden und mit der entsprechenden Summe heiratswillig zu machen.

Die Preise für eine deutsche Ehefrau schwanken, in Westberliner Amtsstuben wird geschätzt, daß der Kurs derzeit zwischen 2000 und 5000 Mark liegt, je nachdem, wie clever die Frauen sind. Ein Charlottenburger Standesbeamter meint, daß sich hier ein „bestimmter Typ von Frauen verkauft“, doch sein Kollege in Reinickendorf gibt zu bedenken, daß beispielsweise Studentinnen, die so ihr Monatssalär aufbessern, den „Schein“ vielleicht intelligenter und damit unauffälliger inszenieren.

In Westberliner Zeitungen und Zeitschriften wimmelt es von Anzeigen, und die meisten Annoncenschreiber formulieren deutlich: „Form-Heirat gegen Honorar und ohne Verpflichtung.“ Inzwischen scheinen aber auch kommerzielle Unternehmungen ein Geschäft zu wittern. Mit Verbindungen von Deutschland bis in die Anwerbeländer vermitteln sie deutsche Frauen an Ausländer, die als Touristen über den Ostberliner Flughafen Schönefeld preiswert und problemlos einreisen können. Verdient wird dabei durch einen möglichst billigen Ein- und teuren Verkauf von Frauen, die auf diese Weise oft zu einem viel geringeren Betrag als dem gezahlten Vermittlungshonorar verheiratet werden.

Nachdem einige Fälle bekanntgeworden sind, ermittelt nun die Westberliner Polizei gegen solche Unternehmen. Wenn der Verdacht einer Schein-Ehe besteht, soll dem ausländischen Partner die Aufenthaltsgenehmigung wieder entzogen werden. Bis jetzt gibt es jedoch noch keinen Fall in den Akten der Ausländerpolizei.

Meistens sind es Männer, die auf diesem Weg zu einer Aufenthaltsgenehmigung kommen wollen. Doch auch Frauen sind offenbar gefragt. In einer Anzeige bot ein junger Mann einer Ausländerin 1000 Mark für „sofortige Formalheirat“. Am Vollzug der Ehe sei er nicht interessiert, versicherte er in seiner Annonce, „da noch längere Zeit in Haft“. Manuela Reichart