Von Heinz Josef Herbort

Sollen wir von den Skandalen sprechen? Von den geplatzten Aufführungen, zerrissenen Verträgen, Nervenzusammenbrüchen samt versetzten Staatspräsidenten? Von mit Tintenfässern beworfenen Intendanten und geohrfeigten Journalisten, von abgekanzelten Kollegen und verfluchten Ex-Ehemännern? Von Riesengagen und damit bezahlten Supergarderoben, ererbten Millionen und vererbten Pretiosen?

Wer Maria Callas als Rosina in Rossinis „Barbier“, als Eboli in Verdis „Don Carlos“, als Abigail in „Nabucco“, als Violetta in „La Traviata“ oder in Bellinis „Norma“ hörte, weiß: Besser kann man das nicht singen können, weder früher noch demnächst.

Und damit ist gesagt: Mit Maria Callas müssen wir auch einer Kunstgattung einen Nachruf widmen: dem Bei canto.

Bei canto, Schöngesang: Er meint ja nicht nur die schöne, die möglichst makellose Stimme und deren Singen; auch nicht allein die äußerst expressive und äußerlich dramatische Gestaltung einer Partie. Bei canto bedeutet eher eine bravouröse Beherrschung stimmlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten: einen Ton aus dem Pianissimo anzusetzen, ihn zu entwickeln, aufblühen zu lassen; ihn zu modellieren und dies aus der Beherrschung der Atemtechnik heraus, aus dem Tonansatz, dem Schwellton; die Töne zu ketten, nebeneinanderzusetzen, gebunden oder gestoßen, in langen Bögen wie in kurzen Serien; die Töne zu verändern, mit Trillern zu versehen, mit Vorschlägen und Vibrato, sie zu verschieden und miteinander zu verschmelzen; sie mit improvisierten Zutaten zu versehen und in Koloraturen abzuwandeln. Und das alles in engster Anlehnung an den Text sowohl als auch an die Szene. Stimme als Material, Gestaltung als Mittel zum Ausdruck eines Außermusikalischen, mit dem Ziel, Affekte auszulösen.

„Nur wer richtig zu atmen versteht, kann singen“ die „messa di voce“ war zum Nonplusultra geworden. Diese Fähigkeiten, im 17. Jahrhundert entdeckt, im 18. ausgebildet, im 19. beherrscht, haben zu einem eigenen Repertoire geführt: Oper bedeutete in jenen Jahren das Zur-Schau-Stellen einer dressierten Kreatur, eines Stimmvirtuosen, der auf der Bühne tun und lassen konnte, was er wollte, wenn er nur den Bei canto vorführte. Von Rossini über Donizetti, Bellini, Meyerbeer und Verdi bis hin zu Puccini regierte auf den Musiktheater-Bühnen dieses Kehlkopf-Phänomen, das mit seiner Equilibristik den Zuhörern das Blut in den Adern stocken und das Rückenhaar aufstehen ließ. Bei canto ist die Kunst des Schauder-Erzeugens.

Maria Callas war vielleicht die einzige unseres Jahrhunderts, die diese nicht nur mit musikalischen Mitteln arbeitende und wirkende Kunst wirklich beherrschte.