Wie groß ist das Heer der Arbeitslosen wirklich?

Von Bert Rürup

Der Autor ist Professor fürVolkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaften an der Technischen Hochschule Darmstadt

Niemand sollte versuchen, das Problem der Arbeitslosigkeit zu verharmlosen. Die individuellen und gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsverluste sind groß, ebenso die Gefahr für die Stabilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Auch die sozialpsychologischen Schäden der unmittelbar von der Arbeitslosigkeit Betroffenen dürfen nicht vergessen werden.

Aber wir sollten uns auch davor hüten, das Problem zu dämonisieren und das Gefühl aufkommen zu lassen, daß wir dieser Entwicklung ohnmächtig gegenüberstehen. Die Gefahr einer Überzeichnung der Schwierigkeiten findet ihren Ausdruck nicht zuletzt in den häufigen Hinweisen auf die "Stille Reserve". Um diese Reserve müssen nach verbreiteter Ansicht die Arbeitslosenzahlen erhöht werden, wenn ein realistisches Bild vom wahren Ausmaß der Unterbeschäftigung gezeichnet werden soll.

Doch diese Stille Reserve ist ein kaum greifbares Phantom in der arbeitsmarktpolitischen Diskussion. Gemeint sind damit jene "verdeckten Arbeitslosen", die wegen der aussichtslosen Situation auf dem Arbeitsmarkt ihre Bemühungen um eine Beschäftigung einstellen beziehungsweise erst gar nicht als Arbeitssuchende auftreten: Dabei handelt es sich vor allem um Frauen und ältere Arbeitnehmer.

Für dieses Reservoir an nicht registrierten Arbeitslosen gilt als typisch, daß es im Konjunkturabschwung wächst. Dies würde bedeuten, daß das Ausmaß der Arbeitslosigkeit und damit das wirtschaftliche Problem noch weit größer wäre, als es die jeweils mit Sorge erwarteten monatlichen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit auszudrücken vermögen.