Von Eduard Neumaier

Neue Sündenböcke für die Unzulänglichkeiten in Rumänien zu finden, wird Nicolae Ceausescu künftig schwerfallen. Nach einer zehntausend Worte zählenden Philippika vor einigen hundert Agitprops der Kommunistischen Partei sind für wirtschaftliche, ideologische und politische Mißstände 22 Millionen, mit der Ausnahme des einen, Erhabenen, verantwortlich zu machen.

Die Parteifunktionäre zieh Ceausescu, den „revolutionären Humanismus“ nur ungenügend zu verbreiten, und unter anderem nicht eindringlich genug auf die aussiedlungswilligen Deutschen einzuwirken, damit sie im Lande blieben.

Die Presse und die anderen Medien sollten „positive Erfahrungen verallgemeinern“, statt „negative Aspekte, in den Vordergrund zu schieben“. Es sei besser, „nichts zu senden, anstatt in unserer Presse, im Rundfunk und im Fernsehen solche Filme und Theaterstücke zu präsentieren, die der revolutionären Erziehung des Volkes und der Jugend zuwiderlaufen“.

Glimpflicher verfuhr Ceausescu mit der Ideologie-Kommission. Sie sei „ihrer Verantwortung nicht voll nachgekommen“, rügte der Parteichef milder – wohl deshalb, weil er selbst dieser Kommission vorsitzt. An den Managern kritisierte er die „Selbstzufriedenheit“. Die Herren hätten vergessen, daß sie „aus den Reihen der Arbeiter kommen“.

Ceausescu, der sich selbst mit allem erdenklichen Luxus umgibt und pompöse Domizile bewohnt, sprach von „anarchistischem Konsum und bojarenhaftem, kleinbürgerlichem Geist“. Vor dem Exekutivkomitee, vergleichbar dem Politbüro anderer kommunistischer Parteien, in Rumänien nur größer und zugunsten eines Vollzugsbüros entmachtet, stieß Ceausescu nach: 35 Prozent aller Erkrankungen gingen auf Überernährung zurück.

Manche sehen in dem Rundschlag des Parteichefs die Eröffnung einer neuen ideologischen Offensive, wie sie Ceausescu seinem Volk häufig zumutet. Doch sieht es eher so aus, als sei er in beträchtlichen Schwierigkeiten.