Von Jes Bau

Monatelang brauchte sich Jimmy Carter um die Konjunkturpolitik keine Sorgen zu machen. Zwar arbeiteten in den ersten zwei Quartalen dieses Jahres nicht alle Instrumente im Cockpit der amerikanischen Wirtschaft störungsfrei. So sackte beispielsweise auf dem Börsenbarometer der „Dow Jones“-Index seit Beginn dieses Jahres beständig nach unten. Und während sich auf der Nachfrageskala ein rascher Anstieg der Konsumausgaben ablesen ließ, stiegen die Investitionen viel zaghafter als in sämtlichen Aufschwungphasen der fünf vorhergehenden Konjunkturzyklen nach Kriegsende. Irritierend für den Piloten war auch, daß die Nadel der Arbeitslosigkeit von Monat zu Monat heftige Ausschläge im Bereich von sieben bis acht Prozent machte. Aber all das werde sich im Laufe der Zeit schon einpendeln, hoffte man in Washington.

Mit gutem Grund, so schien es jedenfalls bis vor kurzem. Brummte die Turbine der amerikanischen Wirtschaft doch bei einer jährlichen Wachstumsrate von 6,9 Prozent exakt in dem Drehzahlbereich, in dem nach Überzeugung der meisten Konjunkturtechniker weder die Gefahr der Überhitzung noch der Unterkühlung besteht. Die Inflationsrate blieb mit 5,8 Prozent noch unter dem projizierten Preistrend von sechs Prozent. Notenbankchef Arthur Burns konnte deshalb bei der Geldversorgung guten Gewissens so großzügig sein, daß die „prime rate“ – der Zinssatz für erstklassige Kreditnehmer – im Laufe der Monate nur geringfügig anstieg. Die Inflationsrate hat sich in den zurückliegenden zwei Sommermonaten dank der Getreideschwemme sogar noch leicht verringert.

Trotz dieser guten Nachricht wird die Mannschaft im Weißen Haus langsam nervös. Die letzten Daten, die das Handelsministerium veröffentlicht hat, lassen nämlich befürchten, daß die Wachstumsrate in der zweiten Jahreshälfte möglicherweise so stark absinkt, daß aus dem von Washington vorausgesagten Jahres-Wachstum von real 5,5 Prozent nichts wird. Der Chef des ökonomischen Beraterstabes von Präsident Carter, Charles Schultze, hält sogar fünf Prozent für nicht mehr erreichbar, will das Wort „Rezession“ aber nicht hören, sondern spricht nur von einer „Sommerflaute“. Immerhin: Die Arbeitslosigkeit, die im Juli bei 6,9 Prozent lag, stieg im August wieder auf 7,1 Prozent.

Besorgniserregend dabei ist, daß diese Zunahme vor allem auf den Verlust von Arbeitsplätzen zurückgeht und nicht – wie früher – durch eine wachsende Zahl von neuen Arbeitssuchenden und durch freiwillige Aufgabe von Jobs zu erklären ist. Unter der schwarzen Minderheit stieg die Arbeitslosigkeit sogar im gleichen Monat von 13,2 auf 14,5 Prozent an.

Der Kursverfall an der New Yorker Börse ging, gleichzeitig unaufhaltsam weiter. Der Dow-Jones-Index liegt nunmehr fast 15 Prozent unter dem Stand zu Jahresbeginn.

Alarmierend für die Piloten in Washington ist auch das: Drei Monate nacheinander hatte der Index der Frühindikatoren ein negatives Vorzeichen. Nach der Faustregel der Konjunkturpropheten bedeutet ein dreimaliges Aufleuchten dieses Warnlichtes: Die Rezession ist im Anzug.