Von Horst Bieber

Recht haben und recht bekommen sind in der Justiz und in der Politik stets zwei Dinge. Es braucht in beiden Fällen Anwälte, Fürsprecher oder auch Verteidiger, von deren Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit es abhängt, ob das Richtige auch Recht wird. In diesem Sinne hat Frank Haenschke, Jahrgang 1937, Chemiker und früherer Parlamentarier, einen Fehler begangen, als er sich aus dem Bundestag zurückzog. Für das Richtige muß am rechten Ort gestritten werden, und das ist und bleibt der Bundestag, auch wenn – oder gerade weil – dort wenig Neigung bestehen mag, einem unbequemen Mahner zuzuhören.

Frank Haenschke: „Modell Deutschland? Die Bundesrepublik in der technologischen Krise“; Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1977; 157 S., 16,80 DM.

Das Buch ist – leider, muß man sagen – in dem wohlbekannten Dilemma zwischen Wissenschaft und Politik steckengeblieben. Die drei großen Komplexe, die Haenschke behandelt – Umwelt, Energie einschließlich Kernenergie, Datenschutz –, verlangen nun einmal Detailkenntnisse, um ihre Gefahren oder Folgen abschätzen zu können, und Details eignen sich so schlecht zur Polemik, ohne die Politik wohl nicht mehr möglich zu sein scheint. Bei der Gratwanderung zwischen Fakten und Fanfarenstößen ist so ein Buch herausgekommen, das sich schwer liest und (steht zu fürchten) nur den interessiert, der eh schon Interesse besitzt. (Daran werden wohl auch das auffällige Orange des Umschlags und die etwas reißerischen Titel nichts ändern.)

Schade! Denn was Haenschke schreibt, ist Satz für Satz richtig und vernünftig und verdiente, Recht zu werden. Wir haben immer noch nicht gelernt, unsere Umwelt als unsere Lebensbedingung zu respektieren. Wir verschwenden und verschmutzen unser Wasser, als gebe es davon unendliche Mengen. Wir blasen Dreck in die Luft, als verschwinde er auf Nimmerwiedersehen im Weltraum. Wir erzeugen Lärm und Gestank, als habe der Mensch der Industriegesellschaft Nase und Ohren bereits verloren. Und nur dort, wo es unerträglich wird, greifen wir nachträglich regulierend ein – Umweltschutz als Punkttherapie, die zudem noch recht widerwillig betrieben wird.

Wer ist schuld daran? Haenschke macht es sich nicht so leicht, zu behaupten: „die Industrie“ oder „die Wirtschaft“. Alle haben sie nach 1945 gesündigt, Erzeuger wie Verbraucher. Aber heute stößt dieses „Immer-weiter-aufwärts“ an seine Grenzen. Das hat nichts mit apokalyptischen Visionen à la Club of Rome oder systemumstürzenden Heilslehren zu tun, sondern ist schlicht eine Tatsache, so schlicht und unangenehm, daß offenbar keiner (oder nur selten einer) hören und sehen will. Freimut Duve sagt es im Vorwort: „Aber in der Politik wird man durch Schaden arm, nicht klug.“

Der Satz beweist sich im Abschnitt Atomenergie. Nüchtern und leider nur manchmal polemisch („Das wichtigste Instrument für moderne Energieverbrauchsprognosen ist nach wie vor der Malstift, mit dem die Linien der Vergangenheit einfach in die Zukunft verlängert werden“) beschreibt Haenschke die unsinnigen Risiken, die sich die Bundesrepublik mit der Kernenergie auflädt. Er war Mitglied im Forschungs- und Technologie-Ausschuß und im Innenausschuß Vorsitzender der Arbeitsgruppe Reaktorsicherheit und Strahlenschutz. Seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Reaktoren, Aufbereitung und Lagerung müßten alle lesen, die von der „Sicherheit der Kernenergie“ sprechen.