Kurz vor dem Überspringen des bisherigen Jahreshöchststandes ist der Aktienindex wieder zurückgefallen. So ging es nun schon mehrfach in den vergangenen Monaten. Der Durchbruch nach oben will nicht gelingen. Die Anleger zweifeln daran, daß es der Bundesregierung gelingen wird, Rahmenbedingungen für eine Konjunkturbelebung zu schaffen, solange alle Förderungsprogramme an dem Gedanken der Umverteilung festhalten. Mit großem Unbehagen ist in den Börsensälen auch die Haltung der Gewerkschaften registriert worden, sich in ihren künftigen Tarifforderungen nicht durch die steuerlichen Erleichterungen beeinflussen zu lassen.

Die stärkste Stütze für den deutschen Aktienmarktist die fehlende Anlagealternative. Der Rentenmarkt ist bei einer Rendite von 6,07 Prozent für Neuemissionen reizlos geworden. Im Prinzip möchte man auf Aktien ausweichen, bei denen man sicher sein kann, daß sie unter Berücksichtigung der Steuergutschrift mehr als 6,5 ProzentRendite bringen, oder wo noch mit steigenden Unternehmensgewinnen zu rechnen ist.

Daher die deutliche Bevorzugung der Autoaktien,vor allem von VW. Hier wurde in der vergangenen Woche ein neuer Jahreshöchstkurs erreicht. Die BMW-Aktie leidet offensichtlich noch immer unter der letzten Kapitalerhöhung. Während des Bezugsrechthandels sind einige spekulative Positionen aufgebaut worden, die nur allmählich verschwinden. Der Daimler-Kurs wird weiterhin vom Markt der Mercedes-Aktien beeinflußt. Gelegentlich sind Tauschoperationen von Daimler in Mercedes zu beobachten. Für Fonds reizvoll, weil sie bei Mercedes noch in diesem Jahr eine Dividende kassieren.

Ein anderer Markt, der Aufmerksamkeit fand, liegt im Baubereich. Dabei waren es nicht so sehr die Aktien der Bauunternehmen selbst, die gekauft wurden. Vielmehr steckte man den Rahmen weiter und begann sich auch für Aktien des Ausbaugewerbes zu interessieren. Da es sich hier überwiegend nur um kleinere Unternehmen handelt, gab es entsprechend kräftige Kurssteigerungen. Davon profitierten auch DLW. Selbst Pegulan-Stamm- und Vorzugsaktien wurden plötzlich höher bewertet.

Daß sich bei Conti-Gummi und Phoenix-Gummi „etwas abzeichnete“, war am Börsenhandel in beiden Papieren seit Wochen zu vermuten. Unter lebhaften Umsätzen kletterte der Phoenix-Kurs von 74 (Jahrestiefstand) auf 92 Mark. Bei diesem Stand wurde die Notiz am Montag zunächst ausgesetzt. Während normalerweise in Phoenix-Gummi-Aktien nur wenige Stücke umgingen, waren es bis zum Aussetzen der Notiz mehrere hundert, ja einige Tage sogar mehr als tausend. Rückwirkend ist der Grund für die Käufe erkennbar: Die Kurse von Phoenix- und Conti-Gummi mußten sich auf ein Verhältnis 4 : 3 einpendeln. Künftig wird es kein Eigenleben der beiden Kurse mehr geben. Daß sich Opposition gegen dieses Umtauschverhältnis regt, ist selbstverständlich. In Hamburg ist man der Ansicht, daß 3 Phoenix-Aktien um etliches mehr wert sind als 4 Conti-Aktien.

Die Aktien der drei Großchemie-Unternehmen haben sich von dem Schock, den der Halbjahresbericht ausgelöst hat, noch nicht erholt. Ihre Kurse bewegen sich in der Nähe des bisherigen Jahrestiefststandes. Von einigen Banken werden die Papiere jetzt unter dem Motto empfohlen: „Schlimmer kann es nicht mehr kommen!“ Interessant sind die Aktien als Renditewerte. So lassen sich bei Bayer und Hoechst geht man von einer Kürzung der Bardividende auf sieben Mark aus – heute Renditen von etwas mehr als acht Prozent erzielen.

Als kaufenswert wird neuerdings auch die Mannesmann-Aktie eingestuft, obwohl die Möglichkeit einer Dividendenkürzung von sieben auf sechs Prozent nicht ausgeschlossen werden kann. Der im ersten Halbjahr 1977 eingetretene Auslandsumsatzrückgang um 18 Prozent ist durch Sondereinflüsse überzeichnet. Der jüngste Röhrenlieferungsabschluß mit den Sowjets zeigt, daß es auch anders geht. K. W.