Überkapazitäten und Importe zwingen die Faserwerke Hüls zur Produktionseinstellung

Es sollte die modernste Anlage zur Faserherstellung in Europa werden. Die 120 Millionen Mark Investitionen dafür, so rechneten Geschäftsführer und Aufsichtsrat der Faserwerke Hüls GmbH in Marl, werden sich auszahlen und die permanenten Verluste beenden. Im Frühsommer dieses Jahres war die Anlage endlich installiert – und jetzt ist ihre Stillegung beschlossene Sache.

Fast 700 Mitarbeiter werden ihre Arbeitsplätze verlieren. Die Gesellschafter der Faserwerke, die Chemie-Konzerne Bayer AG und Chemische Werke Hüls AG, werden Verluste von insgesamt rund einer halben Milliarde Mark zu verbuchen haben.

Die Investition war der letzte große Kraftakt des Unternehmens in einer Chemiesparte, die bei Überkapazitäten und steigenden Importen fast nur Verluste produziert. Bei vier Milliarden Mark Umsatz der gesamten Branche mußte 1975 rund eine Milliarde zugeschossen werden; und im letzten Jahr war es bei Verkäufen von 4,5 Milliarden nicht viel weniger. Werksschließungen wie vom Marktführer Enka Glanzstoff, von Bayer, Hoechst (Spinne Zehlendorf), der Deutschen ICI, Du Pont, der Deutschen Rhodiaceta und der jetzigen von Hüls waren seit Jahren vorprogrammiert.

Einerseits ließen sich die Manager der Chemieunternehmen von der Überlegung blenden, daß bei steigendem Wohlstand mehr Fasern für die Textilindustrie und andere Anwendungen gebraucht würden, und andererseits davon, daß mit größeren Anlagen kostengünstiger produziert werden könne. Das führte – vor allem nach dem Auslaufen der Patente für Fasern – zum Aufbau von Überkapazitäten in aller Welt und zu einem gleichzeitigen Preisverfall.

Staatliche Hilfen für ausländische Konkurrenten wie in Italien, aber auch billige Einfuhren aus devisenschwachen Ländern taten ein übriges, um die Preise zu verderben. „Heute können wir nicht einmal mehr unsere Rohstoffkosten erlösen“, klagt denn auch ein Manager. Der auf 1970 bezogene Preisindex für Chemiefasern fiel von 83 im Dezember 1973 auf 74,7 im März 1977. Im gleichen Zeitraum stieg der Preis-Index für die Faser-Rohstoffe von 125,1 auf 153,4.

Bei den Faserwerken Hüls, die mit der Polyesterfaser „Vestan“ gegen Konkurrenzprodukte wie „Trevira“, „Diolen“, „Crimpelene“ und „Dacron“ ankämpfen mußten, aber auch unter anderen Typenbezeichnungen Spinnfasern und Filamentgarne hauptsächlich für die Bekleidungs- und Heimtextilienindustrie herstellten, gab es 1976 trotz einer Umsatzsteigerung von einem Drittel auf 118 Millionen Mark 72 Millionen Mark Verluste. Und auch im laufenden Jahr wurde es nicht besser. Im ersten Halbjahr mußten bei ungefähr gleichbleibenden Verkäufen 35 Millionen zugelegt werden. In den 21 Jahren, die das Unternehmen jetzt besteht, konnte nur ein halbes Jahr lang Gewinn erwirtschaftet werden.